Frohes Superspreading

Der zweite sogenannte Corona-Lockdown soll ab November in Kraft treten

Um es vorweg zu nehmen: Ich gehöre weder zum Club derer, die Corona für eine harmlose Grippe halten – nicht, weil ich es besser weiß, sondern, weil niemand genaues weiß, und es deshalb vernünftig ist, vorsichtig anstatt draufgängerisch zu sein – noch gehöre ich zu denen, die dafür plädieren, Alte und chronisch Kranke zu opfern, damit die, die jung oder fit oder auch beides sind, sich nicht einzuschränken brauchen.

Mit den neuen Regeln wird jedoch genau das erreicht.

Was ist geplant?

Falls der zweite Lockdown nicht doch noch für verfassungswidrig erklärt wird schließen ab 2. November für einen Monat:

  • Opernhäuser
  • Konzerthäuser
  • Messen
  • Kinos
  • Freizeitparks
  • Spielhallen
  • Spielbanken
  • Wettannahmestellen
  • Bordelle
  • der Freizeit- und Amateursportbetrieb
  • Schwimm- und Spaßbäder
  • Fitnessstudios

Was Spielhallen, Spielbanken,Wettannahmestellen und vor allem Bordelle angeht bräuchten diese, ginge es nach mir, gar nicht wieder zu öffnen, da sie Menschen psychischen und physischen Schaden zufügen. Zwar sind die übrigen Kandidaten auf der Liste Stätten, die Menschen gesund halten und glücklich machen, doch die meisten von uns werden vermutlich nicht erkranken oder in Depressionen verfallen, dürfen sie eine Zeit lang kein Schwimmbad, Kino oder Theater besuchen.

Wie es scheint wittert die Regierung jedoch eben diese Gefahr, würde sie den Verkauf von Bekleidung, Elektroartikeln, Einrichtungsgegenständen und auf was man sonst noch eine Weile verzichten kann, unterbinden. Monika Grütters brachte es am 29. November im Deutschlandfunk (17:30 Uhr, Kultur heute) auf den Punkt: Der Einzelhandel müsse offen bleiben, damit ihm nicht das Weihnachtsgeschäft wegbreche. Für die Kultur tue es ihr „sehr sehr leid“. 

Auf die Idee, dass sich ab Montag zahllose Menschen aus Mangel an Zerstreuung in den Elektromärkten oder Bekleidungsläden drängeln werden, beziehungsweise in den Warteschlangen davor, kommt Monika Grütters nicht, oder aber die Volksgesundheit ist dann doch zweitrangig, steht das Weihnachtsgeschäft auf dem Spiel. Der Groß- und Einzelhandel wird eventuell Druck auf die Politik ausgeübt haben, der Kulturbereich hat diese Möglichkeit nicht. 

Dass die Politik der Bevölkerung nun vorgaukelt, man könne die Lage in den Griff kriegen, indem man lediglich Gastronomie und Kulturbereich lahmlegt, ist so tragikomisch wie es die Hilf- und Konzeptlosigkeit im Kampf gegen die Krankheit zeigt. Ganz zu schweigen davon, dass es tausende von KleinunternehmerInnen im Kunst- Kultur- und Veranstaltungsbereich sinnlos die Existenz kosten wird. 

Aktuelle Regelungen sehen zwar vor, Solo-Selbstständige und KleinunternehmerInnen zu entschädigen – wie es heißt können 75% des üblichen Verdienstes beantragt werden – aber auch wenn es mit den Entschädigungen dieses Mal klappen sollte: da zahllose Selbstständige sich bereits vor Corona-Zeiten gerade eben über den Monat bringen konnten bedeutet ein Minus von 25 % unbezahlte Rechnungen, Mieten und andere laufende Kosten. Ob Job- und Sozialämter diese Kosten erstatten werden, wenn die Betroffenen schließlich doch gezwungen sind, dort vorzusprechen, wird sich zeigen. 

Bereits jetzt halten immer mehr AutorInnen und WissenschaftlerInnen ihre Lesungen und Vorträge über youtube oder Zoom ab – schön für uns alle, die wir inzwischen fast jeden Abend einem interessanten Vortrag lauschen können. Woher die Honorare für die Vortragenden kommen, wo Eintrittsgelder wegfallen, fragt niemand.

Man muss keine Hellseherin sein um vorauszusagen, dass Corona im Dezember nicht besiegt sein wird, im Gegenteil. Nachdem das diesjährige Aktivitätskonzentrat namens Weihnachts-Shopping die Infektionen noch mal in die Höhe getrieben hat (aber das Geld immerhin in den Kassen gelandet ist), junge Leute sich heimlich in Innenräumen zum Feiern getroffen haben, da sie sich nicht mehr an der frischen Luft vor Cafés und Spätis aufhalten durften, und das Virus dann in Schulen und Unis getragen haben, nachdem Oldies sich zwecks Einsamkeitsverhütung in ihren Wohnungen verabredeten, weil Cafés oder öffentliche Treffs für SeniorInnen, wo auf Abstandsregeln geachtet wird, geschlossen wurden (auf den offenbar ernst gemeinten Aufruf an die Bevölkerung, Zusammenkünfte in Nachbarwohnungen bei Behörden zu melden möchte ich hier aus naheliegenden Gründen nicht eingehen), nachdem der öffentliche Nahverkehr, morgens zwischen sieben und zehn eine stadtweite Corona-Party, weder entzerrt noch auf Einhaltung der Maskenpflicht kontrolliert wird, dürfte im Dezember aufgrund von Explosion der Krankheitsfälle dann vermutlich alles rigoros heruntergefahren werden, was man auch sofort hinter sich bringen könnte, und zwar in Ruhe geplant und vernünftig abgesichert: alles konsequent für eine Woche dicht machen, den Menschen bezahlten Urlaub von Bullshit-Jobs gewähren, bzw. Menschen, die im Kultur- und Unterhaltungsbereich tätig sind, angemessen entschädigen und die, die in elementaren Bereichen lohnarbeiten, nicht durch abendliche Klatschkonzerte verhöhnen, sondern durch Lohnzulagen würdigen.

Das aber ist zumindest für November nicht angedacht, und Deutschland wäre nicht Deutschland, dürfte man neben Lohnarbeit und Shopping nicht auch noch beten. Der Gottesdienst soll auch ab November erlaubt sein, und so kommen dann Absurditäten wie der „Düsseldorfer Aufklärungsdienst“ sie soeben im sozialen Netzwerk Facebook dokumentierte, zustande (siehe dazu auch Foto oben):

Filme dürfen Kinos aus Sicherheitsgründen leider zunächst nicht mehr zeigen. Als Alternativprogramm finden in Hilden jetzt Gottesdienste im verwaisten Kino statt. Ein „sicherer und bequemer Ort, um zusammenzukommen“, wie Pfarrer Maxeiner feststellt. Da macht es sich bezahlt, dass der Kinobetreiber in eine Luftwechselanlage investiert hat.“

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Conchata Ferrell ist gestorben

…das ist traurig, aber ich freue mich, dass ich ihr in meinem Buch

Aber sie arbeiten doch – Alphabet der linken Liebe zur Lohnarbeit zumindest noch ein Kapitel widmen konnte:

Zupacken oder: eine Haushälterin, die weiß, was sie wert ist und kein Hehl daraus macht

In der amerikanischen Sitcom Two and a half men (synchronisiert unter gleichem Titel in Deutschland beim Privatsender Pro 7 zu unterschiedlichen Sendezeiten zu sehen) geht es um den Alltag von zwei Brüdern, einem Sohn beziehungsweise Neffen und einer Haushälterin.

Charlie Harper (Charlie Sheen) ist Komponist in der Werbebranche und verdient gut. Er bewohnt ein Strandhaus in Malibu; sein Leben dreht sich um Sex mit wechselnden PartnerInnen und Alkohol. Eines Tages nimmt er seinen Bruder Alan (Jon Cryer) bei sich auf, weil dieser, frisch geschieden, noch keine neue Bleibe hat. Alan ist nach amerikanischer Lesart ein Loser, seine Chirotherapie-Praxis läuft schleppend, gut situierte PatientInnen hat er nicht. Da Alan rasch klar wird, dass er mit seinen Möglichkeiten nie ein Haus wie das seines Bruders bewohnen wird, gibt er die Wohnungssuche mehr oder weniger offiziell auf. Aus der Übergangslösung wird ein Dauerzustand, zudem ist an den Wochenenden Alans Sohn Jake (Angus T. Jones, zu Beginn der Serie 9 Jahre alt) im Haus.

Sechsmal pro Woche erscheint morgens die Haushälterin Berta (Conchata Ferrel). Sie putzt, kocht, wäscht. Wenn sie nach Hause fährt, ist es, der Kulisse nach zu urteilen, schon Abend. Einen Nachnamen hat Berta in der Sitcom nicht, wie es bei Frauenrollen, besonders bei solchen von Frauen niederer Stände, nicht selten üblich ist. Die Besonderheit in der Sitcom Two and a half men ist allerdings, dass Berta kein leiser, unterwürfiger, dankbarer Hausgeist ist, sondern vielmehr eine resolute Persönlichkeit. Nicht nur Körpergröße und -fülle, unaufhörlicher Sarkasmus und der ihr vorauseilende Ruf, mit einer Hand den Herd anzuheben und mit der anderen Hand die Maus darunter zu erschlagen, belegen das. Berta agiert und kommuniziert so, als habe sie die Befehlsgewalt im Haus. Ist sie krank, entscheidet sie eigenmächtig, trotzdem an ihrem Lohnarbeitsplatz zu erscheinen, legt sich aber hier aufs Sofa und kuriert sich aus, weil sie laut Arbeitsvertrag nur bei Anwesenheit ihr Gehalt erhält. Nach einer feuchtfröhlichen Nacht auf der Strandhausterrasse wacht sie neben Charlie im Bett auf, nicht etwa, weil sie Sex mit ihm hatte, sondern weil sie zu betrunken war, nach Hause zu fahren. Für Extraaufgaben verlangt sie sofort Extrabezahlung. Sie baut sich neben ihrem Chef auf, bis der die gewünschte Anzahl Dollarnoten aus der Hosentasche zieht und sie ihr übergibt.

Daran, dass Berta für die Brüder überlebenswichtig ist, besteht kein Zweifel. Charlie und Alan räumen es ein oder beweisen es. An Bertas freiem Tag will Charlie Wäsche waschen, was daran scheitert, dass er nicht einmal die Öffnung der Waschmaschine findet.

Berta ist unentbehrlich, sie weiß es und sie agiert so. Sie erledigt ihre Aufgaben im Haus zwar, aber so, wie sie es für richtig hält. Im Befehlston lässt sie nicht mit sich reden. Den nach einer Party vollgekotzten Papierkorb des pubertierenden Jake trägt sie in die Küche. Während ihre Brotherren frühstücken. Sie wird den Papierkorb nicht sauber machen.

Wenn Berta schlechte Laune hat, tut man überhaupt gut daran, sie gar nicht erst anzusprechen.

Huldigt Berta in der Sitcom Two and and a half men linken KämpferInnen für Lohnarbeit, die es auch in Amerika gibt? Droht sie den Männern gar mit der Gewerkschaft?

Nein. Dafür signalisiert sie in jeder Szene, dass sie um ihre Unentbehrlichkeit weiß.

Die Gags in sämtlichen Szenen, in denen Berta mit den zweieinhalb Männern interagiert, bauen auf der immer gleichen Grundsituation auf, nämlich der, dass eine Lohnarbeiterin ihren und den Wert ihrer Arbeit kennt, sich entsprechend präsentiert und respektloses Verhalten nicht duldet. Die beiden Männer und der Junge sind die Bittsteller, nicht sie. Natürlich, die Männer könnten sich eine andere Haushälterin suchen, das würde aber an ihrem Grundproblem – Abhängigkeit von einer Haushälterin – nichts ändern. Da ist es doch eigentlich selbstverständlich, dass man die, von der man abhängig ist, gut behandelt. Und Charlie, Alan und Jake tun es. Sie sind jederzeit darauf bedacht, Berta nicht zu verärgern.

Warum ist eine derartige Selbstverständlichkeit Stoff für Satire?

Und bis Computer und Roboter endlich sämtliche schmutzige, unangenehme Arbeit übernehmen – warum sind wir nicht alle ein bisschen mehr Berta?

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Liebig34 geräumt

Am Freitag wurde das Haus Liebigstraße 34 in Berlin geräumt.

2008 kaufte es ein Immobilienspekulant für 600.000 Euro, heißt es.

Ein Verein pachtete es für die Nutzung als queerfeministisches Wohnprojekt und soll seither 580.000 Euro bezahlt haben. Es folgten Kündigung, Besetzung, Machenschaften innerhalb des Hauses, die man auf unterschiedlichste Weise interpretieren kann.

Der Räumungstitel richtete sich gegen den Verein, die Rechtslage ist nicht eindeutig, da die Räume untervermietet waren, was dem Eigentümer bekannt gewesen sein soll.

Ca. 1200 PolizistInnen waren an der Räumung beteiligt, die Rechnung zahlen Steuerzahlende, also wir alle.

Man mag von der ganzen Sause halten was man will, allerdings befremdet es, dass trotz Wohnungsnot und Unterbringung von Wohnungslosen für hohe Tagessätze (ebenfalls auf Kosten von Steuerzahlenden) nicht endlich der Spekulation mit Wohnraum ein Riegel vorgeschoben wird.

Ob Besetzung und Gewalt ein geeignetes Mittel sind, Wohnraum für alle zu erstreiten, haben ich bereits in

Selbst gerächt, Berlin 2017 gefragt.

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Über die Faulheit

Ob links, ob rechts, ob liberal mittig – die Mehrheit der Bevölkerung scheint nicht daran zu zweifeln, dass ein Leben ohne Lohnarbeit nicht funktioniert. Weder Lohnarbeitende noch die, die sie anfeuern. Beide Seiten haben gelernt, dass einen bereits das Nachdenken über diesen Punkt in die Nähe unsittlichen Treibens rücken kann.

Hören wir dazu einen, der sich einst unmissverständlicher ausgedrückt hat als Marx. Friedrich Engels, Weggefährte von Marx. Über sein Tun verliere ich gleich ein paar Worte, zunächst ist interessant, was Engels unter anderem zum Thema (Lohn)Arbeit sagte:

„[…] Die Arbeit ist […] die erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, dass wir in gewissem Sinn sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen.Vor mehreren hunderttausend Jahren.“

Und weiter: „[…] lebte irgendwo in der heißen Erdzone ein Geschlecht menschenähnlicher Affen von besonders hoher Entwicklung […]. Wohl zunächst durch ihre Lebensweise veranlasst, die beim Klettern den Händen andere Geschäfte zuweist als den Füßen, fingen diese Affen an, auf ebner Erde sich der Beihilfe der Hände beim Gehen zu entwöhnen und einen mehr und mehr aufrechten Gang anzunehmen. Damit war der entscheidende Schritt getan für den Übergang vom Affen zum Menschen […].“ Quelle: H. Hirsch, Friedrich Engels. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek bei Hamburg 1968

Haben wir verstanden. Der Affe hatte die Hände zum Arbeiten frei, da ward er ein Mensch.

Engels war der Sohn eines Textilfabrikanten. Fast zwanzig Jahre arbeitete er im kaufmännischen Bereich des Betriebs seines Vaters. Dann war er Sekretär im Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation. Später schrieb er Bücher. Man will ihm sein privilegiertes Tun natürlich nicht missgönnen, dennoch gab es zum Thema (Lohn)Arbeit Beiträge überzeugenderer ZeitgenossInnen.

Da wäre beispielsweise Paul Lafargue, Schwiegersohn von Karl Marx, der vom Schwiegerpapa unter anderem als – Linke und LINKE mögen sich bitte kurz die Augen zuhalten – Neger oder Negrillo bezeichnet wurde. Kostprobe gefällig?

Marx an seine Tochter Jenny, 5. September 1866: „Vorgestern waren die Lormiers hier und auch der Negrillo.“ Quelle: Marx-Engels-Werke, Band 31, S. 528

Larfargue gehörte zu den führenden Köpfen der sozialistischen Internationale.

Außerdem ist er Autor der Schrift Das Recht auf Faulheit (Le droit à la paresse), ein literarisches Werk aus dem Jahre 1880 zur Widerlegung des Rechts auf Arbeit von 1848.

Für Lafargue war die Faulheit die Mutter der Künste und der edlen Tugenden. Außerdem war Faulheit das angeborene Recht jedes Menschen, egal in welche Schicht sie oder er hineingeboren worden war. Man kann sagen, Lafargue war der erste, der fortschrittlich und vor allem humanistisch dachte, weil er das Recht auf ein lebenswertes, gesundes und selbstbestimmtes Dasein nicht nur reich Geborenen sondern jeder und jedem zugestand. Pech nur, dass es zu dieser Zeit noch keinen Sozialstaat gab. Das theoretische Recht auf Faulheit nutzte niemandem ohne Vermögen. Da konnte Lafague das Recht auf Arbeit noch so oft als gleichbedeutend mit einem Recht auf Elend darstellen. Oder als „verderbliches Dogma“, mit dem die „Proletarier das, was ihr Gott verflucht hat, wiederum zu Ehren bringen“. Gott habe ja den Menschen mit dem Fluch aus dem Paradies vertrieben, fortan im Schweiße seines Angesichts sein Brot zu essen. Lafargue war Atheist und wollte sich mit so einem Dasein nicht abfinden. Und andere sollten es auch nicht müssen.

Warum hat Lafarque eigentlich keinen Platz in den Galerien und auf den Altären Linker und LINKER, die sich mit den Attributen humanistisch und emanzipatorisch schmücken?

aus: Aber sie arbeiten doch – Alphabet der linken Liebe zur Lohnarbeit

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Sommer-Sause

Bild könnte enthalten: im Freien, Text „Offener Ateliergarten www.sandraschmirdt-fragmente fragmente com in Berlin Pankow am 22 22.+23. August 14-19.30Uhr Basteiweg 45 Gartensiedlung Schönwald 13158 Berlin 10 Künstler innen zeigen Arbeiten. Mit Lesungen, kleinen Konzerten und Pantomime.“

Dieses Jahr  Jahr mit Peter Möller, Marion Tischler, Andrea Krämer, Corinne Douarre, Juliane Beer, Emily Smith, Heike Engels, Anja Grosswig, Conny Brauer, Silke Kirschning, Saga Burger, Sandra Schmidt und Überraschungen.

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Der abgetakelte Glanz der ArbeiterInnenromantik (die nie eine war)

An die BesetzerInnen der Berliner Volksbühne, die die ArbeiterInnenromantik wiederentdeckten – was ihnen ebensowenig nutzte, wie einst den ArbeiterInnen

aus: Aber sie arbeiten doch

Die Volksbühne Berlin (vormals Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz) entstand 1890 während einer Gründungsversammlung des Vereins Freie Volksbühne. Spenden der Mitglieder, sogenannte „Arbeitergroschen“ finanzierten den Bau.

Ab 1947 wurde das Haus als Volksbühne unter der Hoheit des Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds bespielt.

Unter dem neunzehnten Intendanten Frank Castorf sorgte das Theater seit 1992 für Skandälchen, es waren die typischen 1990er-Aufreger mit Christoph Schlingensief und Co.

Modernes Theater eben, aber immer gepaart mit der verklärten Romantik des Revolutionsgeistes der ArbeiterInnenschaft.

2017 trat Chris Dercon auf den Plan, Nachfolger von Castorf. Die Gruppe Staub zu Glitzer entstand.

Deren Ansinnen ist es, soviel ich verstanden habe und grob zusammengefasst, das Theater nicht zu einer der vielen Berliner Bühnen zu machen, sondern es für die freie Szene zu erhalten.

Keine Frage, es ist gut, etwas für die freie Szene zu tun. An der Volksbühne indes sah man unter Castorf SchauspielerInnen und RegisseurInnen, die entweder unter der Marke Krawall längst zum etablierten Berlinbetrieb gehörten oder aufgrund anderer Produktionen bereits einen Namen hatten. Ein Blick in Wikipedia reicht aus, dort wird das Who is who der Szene aufgeführt. Alle bekannt. Und die wollten alle mal die Volksbühne bespielen, um sich den Schweißhauch des ArbeiterInnengeistes um die Nase wehen zu lassen.

Nun beklagt ihr, Staub zu Glitzer, die Gentrifizierung der Stadt. Da bin ich völlig bei euch. Aber was für eine Gentrifizierung beklagt ihr in Bezug auf die Volksbühne? Wer von euch ist von der Volksbühne vertrieben worden? Wer von euch hat unter Castorf an der Volksbühne inszeniert oder gespielt und darf das jetzt nicht mehr? Meine Erinnerung muss mich völlig im Stich lassen, wenn die Volksbühne je ein Ort war, an der jede und jeder, die oder der außerhalb des etablierten Berlin-ist-spannend-Betriebs steht, sich verwirklichen durfte.

No-name-SchauspielerInnen, Self-Made-RegisseurInnen, die sich ausprobieren wollten? Nicht an der Volksbühne. Dafür gab und gibt es in Berlin Laien-Zimmertheater in Bezirksfreizeitzentren und Volkshochschulen. Zu denen weist allerdings kein Reiseführer. Auch kein alternativer.

So habe ich das Ansinnen der Gruppe Staub zu Glitzer nie verstanden.

2017, als besetzt wurde, stand ich abends auf dem Rosa-Luxemburg-Platz neben einer Journalistin und einem Aktivisten von euch. Sie fragte ihn, welche Inszenierung er denn einst an der Volksbühne gesehen hätte, die ihn bis heute beeindruckte. Er antwortete, er sei unter Castorf nie hier gewesen. Die Journalistin verdrehte vielsagend die Augen. Ich nicht. Es ist kein Verbrechen, die Volksbühne nicht zu besuchen. Krawall, und zwar um einiges authentischer, gibt und gab es überall in der Stadt zu sehen, und zwar umsonst. Was der Besetzer hinzufügte, hat mich aber bis heute verstört – und die Journalistin offenbar nicht. Er sagte, er wolle den alten Arbeitergeist des Hauses erhalten.

Alter Arbeitergeist, aha. Spukt es an der Volksbühne? Oder meinte er etwa die vergilbte ArbeiterInnenromantik? Meinte er das Andenken an die vom Deutschen über alles geliebte Disziplinierungsmaßnahme Lohnarbeit?

Marx, der sich nie eindeutig äußerte, sondern Arbeit sowohl als Zumutung als auch als Naturnotwendigkeit sah, erspare ich euch hier. Die, die von ArbeiterInnenromatik schwärmen, haben ihren Marx gelesen. Vermute ich.

Vor Marx war Christenheit, man fand, niemand solle essen, wenn er nicht arbeitete.

Noch davor waren die alten Römer, wo niemand der etwas auf sich hielt, und schon gar niemand, der Kunst machte, lohnarbeitete. Lohnarbeiten mussten niedere Stände und Frauen. Überaus romantisch, besonders für die Betroffenen.

Die Nazis griffen in Sachen Arbeit noch mal die Christen auf.

Dann, im russischen Verwaltungssektor Deutschlands durften die Menschen zwar lohnarbeiten und die Volksbühne besuchen, aber revoltieren durften sie nicht.

Linke TheoretikerInnen und ArbeiterInnen haben häufig ein unterschiedliches Bild von der Sache Lohnarbeit. Der linke Theoretiker möchte, dass die Arbeiterin ihm die Kleidung näht, die städtischen Beete bepflanzt und die Toilette putzt, damit er es nicht tun muss. Er braucht seine Zeit, um Pamphlete zu verfassen, in denen er sich wünscht, dass die Arbeiterin die Drecksarbeit mit Stolz, mit Arbeiterinnenstolz verrichtet. Die Arbeiterin aber macht die Drecksarbeit nicht zur Pflege des Stolzes, sondern um ihre Familie zu ernähren und weil man ihr seit Generationen eintrichtert, dass es für sie ganz normal sei, anderen den Dreck wegzuputzen und dafür überleben zu dürfen. Sie ist in der Regel froh, wenn sie die Drecksarbeit nicht mehr machen muss, weil sie im Lotto gewonnen hat und jetzt auf Mallorca die Sause machen kann, was dem Linken wiederum nicht gefällt, ihr wisst schon, Flugreisen, Umweltverschmutzung und Mallorca soll nicht zugemüllt werden. Die beiden, Arbeiterin und Linker kommen also in der Regel nicht zusammen, so bleibt er theoretisch und sie praktisch.

Aus diesem Verhältnis wurde nie eine feste Beziehung und als die AfD antrat, machte ein Großteil der ArbeiterInnen endgültig Schluss mit der LINKEN.

Die LINKE suchte nach neuen Pflegekindern, entdeckte eine Religion für sich, versucht, unter Reaktionären zu fischen. Ende offen. Aber das soll nicht Thema sein. Auch prekär lebende Berliner KünstlerInnen sind für die LINKE interessant. In Berlin kann die LINKE hier ein paar Stimmen ergattern. Warum eigentlich? Von der LINKEN haben prekär lebende KünstlerInnnen so wenig zu erwarten wie von der CDU, den Grünen oder der SPD, die zumindest allesamt wissen, dass sie sich erst gar nicht anzuwanzen brauchen. Die LINKE aber erwartet von den Prekären – sie erwartet deren Stimmen, um mitregieren zu können und weiß selbst nicht mehr für wen.

Zurück zur Volksbühne. Ich möchte auf die Besetzung 2017 zurückkommen. Protest-Veranstaltungen sind längst zum im Reiseführer eingepreisten Programm geworden. Solche Events sind kalkuliert. Aber selbst in der Postmoderne muss man beim Revoltieren und Jammern gewisse Regeln beachten, die Presse kommt nicht für jede und jeden, und wenn sie kommt und guckt, heißt es nicht, dass sie auch berichtet. In Berlin hauen zu viele arme LebenskünstlerInnen und aus Wohnungen und Ateliers Vertriebene auf den Putz, die Presse kann die auswählen, die sich am unterhaltsamsten präsentieren. Ganz fernab des Bürgerlichen darf es auch nicht sein.

So ist es einerseits verwunderlich, dass die Presse nicht positiver auf die Revoltierenden in der Volksbühne reagierte, denn es fiel doch das Zauberwort Arbeitergeist. Aber vielleicht hat man dem Besetzer seine Arbeitsbegeisterung nicht abgenommen, in den Medien taucht hin und wieder der Hinweis auf, über die Hälfte der in Berlin Kunsttätigen lebe von Hartz IV, unter SpezialistInnen Kunsthartz genannt. Warum sind die Leute faul? Man kann doch neben künstlerischer Betätigung lohnarbeiten gehen? Man kann sich nach Feierabend künstlerisch betätigen. Usw. Wir kennen diese Litanei.

Ich komme mal auf den Punkt.

Nein, natürlich will ich die Volksbühne nicht abreißen lassen, nicht entehren, nicht entweihen, nicht in die Luft sprengen. Sie soll stehen bleiben. Als Mahnmal. Ich habe Hoffnung, dass in Zeiten, da Roboter operieren, Busse selbstständig fahren, 3D-Drucker Bauteile für Wohnungen anfertigen, eines der letzten Relikte aus dunklen Vorzeiten abgeschafft wird. Sprich, ich habe Hoffnung, dass Betätigung vom Einkommen und damit von der Lebensberechtigung des Menschen entkoppelt wird.

Nun meine Frage an die Gruppe Staub zu Glitzer. Warum hängt euer Herz an einer Bühne, der der Muff der Arbeiterinnenromantik anhaftet, die nie eine Romantik war, zumindest nicht für die ArbeiterInnen?

Die von euch, die es im Kunstbetrieb immer noch nicht geschafft haben, wie man so bezeichnend sagt, werden nie auf dieser Volksbühne auftreten. Sicher, vielleicht räumt man euch einen Selbsterfahrungsnachmittag im Monat ein, der dann gnädig im Berlin-Mitte-Wochenblatt als interessant bezeichnet wird. René Pollesch hat gesagt, ohne die BesetzerInnen geht es nicht. Und ihr jubelt. Ihr kriegt euren Nachmittag. Erst mal. Dann mal sehen. Independend ist eine Marke. Alles ist eine Marke, wir leben schließlich im Kapitalismus. Pollesch, der sich als antikapitalistisch bezeichnet, muss die Marke Independend im Programm haben. Aber eine Marke muss laufen und Geld einfahren oder zumindest die Unkosten decken, und wenn sie das nicht tut, finden sich andere, die ihren Selbsterfahrungsnachmittag kriegen.

Wollt ihr das?

Könnt ihr das nicht auch in anderen Räumen in der Stadt haben, die seit Jahren leerstehen, die ihr besetzen und herrichten und gestalten könntet, wie ihr es mögt? Über die ihr mit Kultursenator Lederer Verhandlungen führen könntet? Der Mann will eure Stimme für die LINKEN. Ein bisschen was würde er schon für euch tun, wenn ihr das leerstehende Finanzamt von Wittenau besetzen und einen wirklich alternativen, selbstverwalteten Ort daraus machen würdet, wo euch niemand euren Nachmittag zuteilt. Darüber wäre mit dem Senat zu verhandeln. Die SPD windet sich im Todeskampf, die Grünen wollen noch ein bisschen die Kings und Queens bleiben. Sucht euch einen Ort, wo ihr und eure GenossInnen bestimmen können. Einen Ort, an dem man nicht so tun muss, als wäre Lohnarbeit in irgend einer Weise romantisch oder toll. Sucht euch einen Ort, an dem nicht ab nächstem Monat wieder die Nachkommen von Schlingensief vom Theaterbau in Afrika künden dürfen. Einen Ort, wo tatsächlich Kunstexperimente stattfinden – und mögen die auch in den Augen einiger so dilettantisch sein, dass sie nicht mal für Werbung für die wilde Stadt Berlin taugen. Die es längst nicht mehr gibt und auch nicht mehr geben wird, wenn wir uns nach den Regeln derer richten, die Armut oder Revolution als Touristenevent vermarkten.

Revolution ist nicht, zu bitten, unter den Castorfs und Polleschs und Derkons dieser Welt Faxen machen zu dürfen. Revolution wäre, nicht unter ihnen aufzutreten. Kollektiv. Konsequent. Die Zustände auf dem Kunst- und Kulturmarkt schreien danach. Sollen die Derkons und Polleschs und Castorfs auf der Bühne selbst Faxen machen. Es ist höchste Zeit, dass wir uns eigene Räume organisieren.

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Linker Eiertanz

Die Unterschriftensammlung der Bundesarbeitsgemeinschaft Bedingungsloses Grundeinkommen ist erfolgreich beendet, nun könnten die Mitglieder der Partei Die LINKE abstimmen, ob das BGE als Forderung ins Parteiprogramm aufgenommen werden soll oder nicht. Könnten. Beim Lesen des unten verlinkten Artikels weiß ich einmal mehr, warum ich letztes Jahr desertiert bin, obwohl es nicht meine Art ist, mich einer Verantwortung zu entziehen – im vorliegenden Fall der als parteilose Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft BGE bei der Partei Die LINKE. Besagte Partei Die LINKE ist in der Tat nicht mehr zu retten. Im ganzen Land diskutiert man darüber, wie in Zeiten von Globalisierung und Industrie 4.0 ein zeitgemäßes Sozialsystem aussehen könnte; das BGE ist längst keine Idee von UtopistInnen mehr, nachdem sich soeben gezeigt, dass es nur den Ausbruch einer Virusinfektion braucht, um zahllose Menschen von der Kante einer wackeligen wirtschaftlichen Existenz hinab in den Ruin zu stürzen usw. usf. – nur die Partei Die LINKE salbadert vom Segen der Lohnarbeit, als hätte sie 30 Jahre verschlafen. Ich freue mich aber, dass uns Moritz Fröhlich aus der Landesarbeitsgemeinschaft BGE und erschwerenderweise Vorstand Der LINKEN, Landesverband Berlin, Rede und Antwort stehen wird für unsere nächste Sendung der Bedingungslose Nachmittag, die wir aus aktuellen Gründen noch einmal aufzeichnen. Was spielt sich ab hinter den Kulissen der ApologetInnen der Lohnarbeit? Mehr dazu demnächst an dieser Stelle

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Niemand kommt

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…und ihr könnt trotzdem etwas für Berliner Kunst- und Kulturschaffende tun, denn von den Corona-Beschränkungen sind nicht nur Autoindustrie und Lufthansa betroffen.

 

Mehr dazu hier

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Und hier nun…

…der ganze Film zum Thema Arbeiten und Essen – mit Musik und allen Schikanen 

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ArtSpring geht online

Liebe Leute,

auch das Berliner Kunstfestival ArtSpring geht dieses Jahr wegen Corona online. Es wird trotzdem viel geboten, unter anderem am 20. Mai um 18 Uhr ein Filmchen zum Thema Lohnarbeit von mir. Das Programm findet ihr 

hier

und   hier

findet die gesamte Sause statt.

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