1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Dann, knapp zwei Wochen später, hat Maras Klassenkamerad Markus, Sohn des Diskothekenbetreibers Lindemann, seine zwei Kanarienvögel zu vergasen versucht. Er bedeckte den Käfig der Tiere mit der schweren Frottee-Matte aus dem Badezimmer und leitete Ballongas aus einer Helium-Kartusche durch einen Spalt in den Käfig. Die Vögel fingen ganz merkwürdig zu zwitschern an, ein paar Nuancen höher als gewöhnlich, weiter geschah nichts. Also hatte Markus noch mehr Gas in den Käfig geleitet. Aber auch das überstanden die Vögel. Sie zwitscherten jetzt ganz laut und schrill und flatterten wie wild im Käfig umher. Markus gab auf. Nahm die Matte vom Käfig. Die Vögel beruhigten sich wieder.

Am Abendbrottisch vertraut Markus sich seinem Vater an. Fragt, wie das mit dem Vergasen der Juden gegangen sein soll, wo es nicht mal bei Vögeln klappen würde. Er habe es versucht. Weil der Lehrer es behauptet habe.

Der Diskothekenbetreiber, erschrocken, überrumpelt, weiß auf die Schnelle nichts zu erwidern, ist entsetzt, langt reflexartig über den Tisch und verpasst seinem Sohn eine Ohrfeige. Für die Sache mit den Vögeln. Frau Lindemann ist ganz bleich und starrt abwechselnd Mann und Sohn an. Markus wird vom Vater auf sein Zimmer geschickt. Frau Lindemann wird aufgefordert, weiter zu essen.

Den ganzen Abend lässt die Angelegenheit Lindemann nicht los. Als er nach den Spätnachrichten mit Zigarre und Zeitung im Sessel sitzt und sich etwas entspannt hat, erkennt er, dass er sich seinem Sohn gegenüber falsch verhalten hat. Der Junge steht doch augenscheinlich unter Schock. Und er, der Vater, hat mit der Ohrfeige noch einen drauf gegeben. Was war da im Unterricht genau los? Diese Juden. Er hat nichts gegen sie, aber müssen sie denn selbst im toten Zustand nichts als Unfrieden verbreiten?

Morgen wird es Theater geben, beschließt Lindemann, Theater vom feinsten, Theater, das man an dieser Schule noch nicht erlebt hat. Jetzt aber steigt Lindemann erst mal die Treppe hoch zum Zimmer seines Sohnes, entschuldigt sich bei dem für die Ohrfeige, vergewissert sich, dass die Kanarienvögel wohl auf sind, und erklärt Markus, die Sache mit dem Vergasen der Juden sei halt so überliefert.

Am nächsten Morgen, gleich um acht und bevor er in seiner Diskothek die Einnahmen abholt und zum Banksafe trägt, ruft Lindemann im Rektorat des Ostseegymnasiums an, lässt sich den Rektor geben und brüllt den zusammen. Und zwar so, wie er es in Gedanken die ganze schlaflose Nacht über geprobt hat. Unfassbar sei es, Kindern im Unterricht Dinge zu erzählen, die sie nicht verarbeiten könnten. Bei seinem Sohn habe das ein Trauma ausgelöst. Lindemann schildert den Vorfall mit den Kanarienvögeln. Zwei Mal. Ob denn nicht endlich Schluss sein könne mit dem Holocaust-Heckmeck, brüllt er den Rektor dann an. Es sei schlimm gewesen, aber überall auf der Welt geschehe schlimmes. Täglich. Warum man also wegen eines einzigen schlimmen Geschehnisses Generationen von Kindern verstören, oder besser: zerstören müsse?

Der Rektor möchte einwenden, dass deutsche Geschichte Teil des Regelunterrichts sei, aber Lindemann lässt ihn nicht zu Worte kommen. Brüllt jetzt, dass er die Schule verklagen würde, wenn sein Sohn einen Schaden davon trüge. Ob der Rektor ihn verstanden habe?

Der Rektor setzt noch einmal an, Lindemann über den Lehrplan aufzuklären, aber der hat schon den Hörer aufgeknallt.

Der Rektor lässt Lehrer Gruber zu sich kommen und erfährt, dass das Thema Holocaust abschließend bearbeitet worden sei mit der betreffenden Klasse. Und die Juden seien erlöst. Der Rektor stutzt, weiß aber nichts zu erwidern. Ruft, als Gruber draußen ist, bei Lindemann an, um den davon in Kenntnis zu setzen, dass nicht mehr über das Thema gesprochen werden würde. Hiernach entschuldigt er sich bei Lindemann; wofür er sich entschuldigt weiß er nicht. Aber als Rektor ist es seine Aufgabe, alle zu hören und alle zu verstehen. Lindemann ist kein Jude, weiß der Rektor, man kennt sich am Ort. Aber Lindemann ist Gastronom, da hat er mit Juden zu tun, da ist Konkurrenz im Spiel, da geht es um Geld, da wird gemauschelt. Lindemann muss sich durchsetzen, hat es nicht leicht, nein, schön ist das nicht, nicht der Konkurrenzkampf, nicht das Gemauschel, nicht der Holocaust, nicht Lindemanns Sorge ums Geld. Und deshalb muss der Rektor wie immer beiden Seiten hören und verstehen.

Lindemann beschließt, die Entschuldigung des Rektors anzunehmen. Seinen Sohn würde er in den nächsten Monaten aber sehr genau auf mögliche Folgen beobachten.

Der Rektor versteht den Vater, ihm würde es nicht anders gehen.

https://www.marta-press.de/themen/nationalsozialismus/91/doch-auserwaehlt

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Corona und die schreibende Zunft

Am 14. Februar sprachen wir mit Lena Falkenhagen, Bundesvorsitzende des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller, über die Situation von AutorInnen nach fast einem Jahr Lockdown. Fazit: es sieht nicht rosig aus, aber es muss weitergehen. Aber hört selbst...

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Der Corona-Lockdown und die schreibende Zunft

Seit einem Jahr ist das kulturelle Leben so gut wie dauer-heruntergefahren. Lesungen, eine eigentlich unverzichtbare Einnahmequelle für AutorInnen, fallen aus,

Veröffentlichungen werden verschoben oder aus dem Programm genommen.

Wie die aktuelle Situation aussieht, was getan werden müsste und was bislang von der Politik oder in Eigenregie getan wurde wird euch am

14. Februar von 16 bis 18 Uhr, live aber ohne Publikum aus Speiches Blueskneipe über rockradio.de

Lena Falkenhagen berichten.

Lena Falkenhagen studierte Anglistik und Germanistik, veröffentlichte ihre ersten Romane bereits während des Studiums. Sie erhielt für ihre Arbeiten verschiedene Preise, seit 2012 entwirft sie zudem Texte und Geschichten für Computerspiele.

Seit 2019 ist sie Bundesvorsitzende des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

Wenn ihr Fragen habt könnt ihr diese gern über den Chat auf rockradio.de stellen, außerdem gibt es wie immer einen Sendungsmitschnitt von KIEKE MA Film Berlin


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Die Freunde der Verfolgten

Die Freunde der Verfolgten wollen nicht nur reden, helfen und trösten. Sie wollen auch spüren, am eigenen Leib. Deshalb war ihr neuer Plan bald in die Tat umgesetzt worden. Die Frauen hatten das Schneider übernommen. Einen Anzug für jeden, aus Streifenstoff, es war nicht einfach gewesen, den richtigen zu kriegen. Der in der Kurzwarenabteilung bei Hertie war zu knallig. Zu fröhlich leuchtend, fand Emil Wiener, und seine Gehilfen stimmten ihm zu. So etwas buntes, lichtes habe es im KZ nicht gegeben.

Nein, bedauerte Wiener, fröhliche Stoffe habe man den Juden missgönnt.

Ein Freund der Verfolgten hatte schließlich die Idee. Man müsste den Hertie-Stoff einfach nur schinden. Zu heiß waschen, verbrühen, knüllen. Gegen das Balkongitter schlagen.

So machte man es.

Und tatsächlich, der Stoff war danach wie überliefert.

Die Anzüge wurden genäht, mit gelbem Stern verziert.

Sonntag sollte es passieren. Man traf sich nach dem evangelischen Gottesdienst im Gemeindehaus Schwabing. Man trank ein Glas Sekt, für den Mut. Man zog seine Sonntagskluft aus und den Judenanzug an. Als der geschundenen Stoff die Haut streifte spürte man den Schrecken. Am eigenen Leib.

Man trank noch ein Glas Sekt, für den Mut, verließ das Gemeindehaus, Stimmung: entschlossen. Für die Büßer-Fahrt wählte man Stadtbuslinie 130. Stieg am Gemeindehaus ein, die Fahrgäste kreischten. Husteten. Schimpften. Oder schwiegen.

Der Busfahrer rief über Funk Polizei.

Am Marienplatz stieg Streife zu, nahm die Häftlinge fest.

Die Freunde der Verfolgten litten. So wie einst ihre Schützlinge gelitten hatten.

Aber den Fahrgästen habe man die Botschaft verständlich übermittelt, befanden Emil Wiener und seine Gehilfen, während auf der Wache bei einem Erfrischungsgetränk ihre Personalien aufgenommen wurden.

Doch auserwählt

demnächst

https://www.marta-press.de/themen/belletristik/91/doch-auserwaehlt

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Corona Lockdown und kein Ende – wie geht es Berliner KünstlerInnen ?

Bühnen sind bundesweit seit neun Monaten zumeist geschlossen. Wie halten sich Berliner Bühnenmenschen über Wasser?

Am 10. Januar senden wir ohne Publikum ab 16 Uhr über rockradio.de ein Gespräch über Kunst und Kultur in Zeiten von Corona und freuen uns, Jana Berwig und Wolfgang Endler dazu zu begrüßen.

Jana Berwig, Singer-Songwriterin, ist seit 2013 regelmäßig sowohl auf Berliner Bühnen als auch jederzeit auf CD zu hören. https://janaberwig.de/musik/

Wolfgang Endler, schreibt Aphorismen und Gedichten, wirkt seit 25 Jahren bei Schreibwerkstätten mit, tritt bei Poetry Slams an und bei Lesebühnen auf. https://wolfgang-endler.de/

Dank KIEKE MA FILM BERLIN könnt ihr die Sendung auch wieder im gleichnamigen Kanal nachhören.

Die Musik kommt dieses Mal von Jana Berwig.

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Weltoffenheit

Im Mai 2019 nahm der Bundestag den Antrag „BDS-Bewegung entschlossen entgegentreten – Antisemitismus bekämpfen“ der Parteien CDU/CSU, Parteien SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen an. Die Union, die SPD, die FDP sowie PolitikerInnen von Bündnis 90/Die Grünen und der fraktionslose Mario Mieruch stimmten für den Antrag. Die Linksfraktion stimmte fast geschlossen dagegen, ebenso einige Mitglieder von Bündnis 90/Die Grünen. Die AfD-Fraktion enthielt sich, ebenso ein paar wenige Abgeordnete der Linksfraktion und der Grünen.Sogleich hob in den sozialen Netzwerken das Lamento an. Deutsche BDS-AnhängerInnen und -SympathisantInnen gerierten sich als Opfer eingeschränkter Meinungsfreiheit. Was die Unterdrückten übersehen hatten: Der Beschluss des Bundestags besagt lediglich, dass kein Steuergeld/Räume für BDS-Veranstaltungen bewilligt werden. Veranstaltungen, auf denen dazu aufgerufen wird, gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe, Homosexuelle oder Andersgläubige vorzugehen, und dafür geworben wird, China, Russland oder Bangladesch zu zerstören, werden übrigens auch nicht öffentlich gefördert
Ein paar Monate später…. 
 …und weil gerade Lockdown ist und dies den Kunst- und Kulturbereich besonders betrifft, haben deutsche KünstlerInnen und Kulturschaffende Zeit. Die nutzen einige zum Arbeiten, andere, um ein Elaborat nach dem anderen ins Netz zu stellen (findet man über Suchmaschine). Tenor: Man darf in Deutschland nicht mal mehr gepflegt antisemitisch sein. Was die RevolutionärInnen allerdings unterschlagen: Es ist ihnen nach wie vor nicht verboten, BDS-Veranstaltungen selbst oder über gesammelte Spenden zu finanzieren. Da die Sorge um das Wohlergehen der in Israel und angrenzenden Staaten lebenden AraberInnen ( seit der Charta der PLO von 1964 als PalästinsererInnen bezeichnet) bei deutschen KünstlerInnen und Kulturschaffenden allgegenwärtig ist, dürfte man die finanzielle Mittel für die Rettung der Schützlinge aufbringen. Oder auch: Mir ist kein Opfer zu groß, das die anderen für mich tun können. (Schwäbisches Sprichwort)

Eine sehr gute Erklärung von Studierenden am einschlägig bekannten ZfA zu diesem Affentheater findet man bei Facebookhttps://www.facebook.com/fsizfa

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Corona-Hilfe für die Kultur und Gastronomie: viel versprochen, nichts geliefert

Nein, Corona-LeugnerInnen sind wir beide nicht, aber darüber waren Wolf Spors, Chef von Speiches Blueskneipe, und ich uns einig: Wenn die Politik den Menschen das Arbeiten untersagt, müssen Entschädigungen her

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Corona-Hilfen: angekündigt, nicht geliefert

Regelungen zum zweiten Lockdown, Ende Oktober beschlossen und Anfang November in Kraft getreten, sahen u.a. vor, die Gastronomie für Publikumsverkehr zu schließen. Vorauszusehen, dass man die Lage nicht in den Griff kriegt, indem man lediglich Gastronomie und Kulturbereich lahmlegt, aber den Handel öffnen lässt, gegen die morgendliche Corona-Party in den öffentlichen Verkehrsmitteln nichts unternimmt usw usf. war kein Kunststück und zeigte einmal mehr das ganze Ausmaß an Hilf- und Konzeptlosigkeit im Kampf gegen Corona. Ganz zu schweigen davon, dass es tausende von KleinunternehmerInnen im Kunst- Kultur- und Veranstaltungsbereich sinnlos die Existenz kosten wird. Zwar hieß es, Solo-Selbstständige und GastronomInnen würden mit 75% des üblichen Verdienstes entschädigt werden, doch wie sich inzwischen zeigt, beinhaltet eine Beantragung der Gelder so viele Hürden, dass nur wenige Betroffene sie erhalten werden. Über das ganze Ausmaß des Versagens sprechen wir am 13. Dezember ab 16 Uhr mit Wolf Spors, Manager des Traditionslokals Speiches Rock- und Blueskneipe in Berlin Prenzlauer Berg. Hier könnt ihr zuhören: https://www.rockradio.de/rockradio-de_online-player_8090.php

Und hier könnt ihr für Speiches Blueskneipe spenden: IBAN : DE72 1605 0000 1000 5868 51, BIC: WELADED1PMB, Kontoinhaber : rockradio.de

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Frohes Superspreading

Der zweite sogenannte Corona-Lockdown soll ab November in Kraft treten

Um es vorweg zu nehmen: Ich gehöre weder zum Club derer, die Corona für eine harmlose Grippe halten – nicht, weil ich es besser weiß, sondern, weil niemand genaues weiß, und es deshalb vernünftig ist, vorsichtig anstatt draufgängerisch zu sein – noch gehöre ich zu denen, die dafür plädieren, Alte und chronisch Kranke zu opfern, damit die, die jung oder fit oder auch beides sind, sich nicht einzuschränken brauchen.

Mit den neuen Regeln wird jedoch genau das erreicht.

Was ist geplant?

Falls der zweite Lockdown nicht doch noch für verfassungswidrig erklärt wird schließen ab 2. November für einen Monat:

  • Opernhäuser
  • Konzerthäuser
  • Messen
  • Kinos
  • Freizeitparks
  • Spielhallen
  • Spielbanken
  • Wettannahmestellen
  • Bordelle
  • der Freizeit- und Amateursportbetrieb
  • Schwimm- und Spaßbäder
  • Fitnessstudios

Was Spielhallen, Spielbanken,Wettannahmestellen und vor allem Bordelle angeht bräuchten diese, ginge es nach mir, gar nicht wieder zu öffnen, da sie Menschen psychischen und physischen Schaden zufügen. Zwar sind die übrigen Kandidaten auf der Liste Stätten, die Menschen gesund halten und glücklich machen, doch die meisten von uns werden vermutlich nicht erkranken oder in Depressionen verfallen, dürfen sie eine Zeit lang kein Schwimmbad, Kino oder Theater besuchen.

Wie es scheint wittert die Regierung jedoch eben diese Gefahr, würde sie den Verkauf von Bekleidung, Elektroartikeln, Einrichtungsgegenständen und auf was man sonst noch eine Weile verzichten kann, unterbinden. Monika Grütters brachte es am 29. November im Deutschlandfunk (17:30 Uhr, Kultur heute) auf den Punkt: Der Einzelhandel müsse offen bleiben, damit ihm nicht das Weihnachtsgeschäft wegbreche. Für die Kultur tue es ihr „sehr sehr leid“. 

Auf die Idee, dass sich ab Montag zahllose Menschen aus Mangel an Zerstreuung in den Elektromärkten oder Bekleidungsläden drängeln werden, beziehungsweise in den Warteschlangen davor, kommt Monika Grütters nicht, oder aber die Volksgesundheit ist dann doch zweitrangig, steht das Weihnachtsgeschäft auf dem Spiel. Der Groß- und Einzelhandel wird eventuell Druck auf die Politik ausgeübt haben, der Kulturbereich hat diese Möglichkeit nicht. 

Dass die Politik der Bevölkerung nun vorgaukelt, man könne die Lage in den Griff kriegen, indem man lediglich Gastronomie und Kulturbereich lahmlegt, ist so tragikomisch wie es die Hilf- und Konzeptlosigkeit im Kampf gegen die Krankheit zeigt. Ganz zu schweigen davon, dass es tausende von KleinunternehmerInnen im Kunst- Kultur- und Veranstaltungsbereich sinnlos die Existenz kosten wird. 

Aktuelle Regelungen sehen zwar vor, Solo-Selbstständige und KleinunternehmerInnen zu entschädigen – wie es heißt können 75% des üblichen Verdienstes beantragt werden – aber auch wenn es mit den Entschädigungen dieses Mal klappen sollte: da zahllose Selbstständige sich bereits vor Corona-Zeiten gerade eben über den Monat bringen konnten bedeutet ein Minus von 25 % unbezahlte Rechnungen, Mieten und andere laufende Kosten. Ob Job- und Sozialämter diese Kosten erstatten werden, wenn die Betroffenen schließlich doch gezwungen sind, dort vorzusprechen, wird sich zeigen. 

Bereits jetzt halten immer mehr AutorInnen und WissenschaftlerInnen ihre Lesungen und Vorträge über youtube oder Zoom ab – schön für uns alle, die wir inzwischen fast jeden Abend einem interessanten Vortrag lauschen können. Woher die Honorare für die Vortragenden kommen, wo Eintrittsgelder wegfallen, fragt niemand.

Man muss keine Hellseherin sein um vorauszusagen, dass Corona im Dezember nicht besiegt sein wird, im Gegenteil. Nachdem das diesjährige Aktivitätskonzentrat namens Weihnachts-Shopping die Infektionen noch mal in die Höhe getrieben hat (aber das Geld immerhin in den Kassen gelandet ist), junge Leute sich heimlich in Innenräumen zum Feiern getroffen haben, da sie sich nicht mehr an der frischen Luft vor Cafés und Spätis aufhalten durften, und das Virus dann in Schulen und Unis getragen haben, nachdem Oldies sich zwecks Einsamkeitsverhütung in ihren Wohnungen verabredeten, weil Cafés oder öffentliche Treffs für SeniorInnen, wo auf Abstandsregeln geachtet wird, geschlossen wurden (auf den offenbar ernst gemeinten Aufruf an die Bevölkerung, Zusammenkünfte in Nachbarwohnungen bei Behörden zu melden möchte ich hier aus naheliegenden Gründen nicht eingehen), nachdem der öffentliche Nahverkehr, morgens zwischen sieben und zehn eine stadtweite Corona-Party, weder entzerrt noch auf Einhaltung der Maskenpflicht kontrolliert wird, dürfte im Dezember aufgrund von Explosion der Krankheitsfälle dann vermutlich alles rigoros heruntergefahren werden, was man auch sofort hinter sich bringen könnte, und zwar in Ruhe geplant und vernünftig abgesichert: alles konsequent für eine Woche dicht machen, den Menschen bezahlten Urlaub von Bullshit-Jobs gewähren, bzw. Menschen, die im Kultur- und Unterhaltungsbereich tätig sind, angemessen entschädigen und die, die in elementaren Bereichen lohnarbeiten, nicht durch abendliche Klatschkonzerte verhöhnen, sondern durch Lohnzulagen würdigen.

Das aber ist zumindest für November nicht angedacht, und Deutschland wäre nicht Deutschland, dürfte man neben Lohnarbeit und Shopping nicht auch noch beten. Der Gottesdienst soll auch ab November erlaubt sein, und so kommen dann Absurditäten wie der „Düsseldorfer Aufklärungsdienst“ sie soeben im sozialen Netzwerk Facebook dokumentierte, zustande (siehe dazu auch Foto oben):

Filme dürfen Kinos aus Sicherheitsgründen leider zunächst nicht mehr zeigen. Als Alternativprogramm finden in Hilden jetzt Gottesdienste im verwaisten Kino statt. Ein „sicherer und bequemer Ort, um zusammenzukommen“, wie Pfarrer Maxeiner feststellt. Da macht es sich bezahlt, dass der Kinobetreiber in eine Luftwechselanlage investiert hat.“

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Conchata Ferrell ist gestorben

…das ist traurig, aber ich freue mich, dass ich ihr in meinem Buch

Aber sie arbeiten doch – Alphabet der linken Liebe zur Lohnarbeit zumindest noch ein Kapitel widmen konnte:

Zupacken oder: eine Haushälterin, die weiß, was sie wert ist und kein Hehl daraus macht

In der amerikanischen Sitcom Two and a half men (synchronisiert unter gleichem Titel in Deutschland beim Privatsender Pro 7 zu unterschiedlichen Sendezeiten zu sehen) geht es um den Alltag von zwei Brüdern, einem Sohn beziehungsweise Neffen und einer Haushälterin.

Charlie Harper (Charlie Sheen) ist Komponist in der Werbebranche und verdient gut. Er bewohnt ein Strandhaus in Malibu; sein Leben dreht sich um Sex mit wechselnden PartnerInnen und Alkohol. Eines Tages nimmt er seinen Bruder Alan (Jon Cryer) bei sich auf, weil dieser, frisch geschieden, noch keine neue Bleibe hat. Alan ist nach amerikanischer Lesart ein Loser, seine Chirotherapie-Praxis läuft schleppend, gut situierte PatientInnen hat er nicht. Da Alan rasch klar wird, dass er mit seinen Möglichkeiten nie ein Haus wie das seines Bruders bewohnen wird, gibt er die Wohnungssuche mehr oder weniger offiziell auf. Aus der Übergangslösung wird ein Dauerzustand, zudem ist an den Wochenenden Alans Sohn Jake (Angus T. Jones, zu Beginn der Serie 9 Jahre alt) im Haus.

Sechsmal pro Woche erscheint morgens die Haushälterin Berta (Conchata Ferrel). Sie putzt, kocht, wäscht. Wenn sie nach Hause fährt, ist es, der Kulisse nach zu urteilen, schon Abend. Einen Nachnamen hat Berta in der Sitcom nicht, wie es bei Frauenrollen, besonders bei solchen von Frauen niederer Stände, nicht selten üblich ist. Die Besonderheit in der Sitcom Two and a half men ist allerdings, dass Berta kein leiser, unterwürfiger, dankbarer Hausgeist ist, sondern vielmehr eine resolute Persönlichkeit. Nicht nur Körpergröße und -fülle, unaufhörlicher Sarkasmus und der ihr vorauseilende Ruf, mit einer Hand den Herd anzuheben und mit der anderen Hand die Maus darunter zu erschlagen, belegen das. Berta agiert und kommuniziert so, als habe sie die Befehlsgewalt im Haus. Ist sie krank, entscheidet sie eigenmächtig, trotzdem an ihrem Lohnarbeitsplatz zu erscheinen, legt sich aber hier aufs Sofa und kuriert sich aus, weil sie laut Arbeitsvertrag nur bei Anwesenheit ihr Gehalt erhält. Nach einer feuchtfröhlichen Nacht auf der Strandhausterrasse wacht sie neben Charlie im Bett auf, nicht etwa, weil sie Sex mit ihm hatte, sondern weil sie zu betrunken war, nach Hause zu fahren. Für Extraaufgaben verlangt sie sofort Extrabezahlung. Sie baut sich neben ihrem Chef auf, bis der die gewünschte Anzahl Dollarnoten aus der Hosentasche zieht und sie ihr übergibt.

Daran, dass Berta für die Brüder überlebenswichtig ist, besteht kein Zweifel. Charlie und Alan räumen es ein oder beweisen es. An Bertas freiem Tag will Charlie Wäsche waschen, was daran scheitert, dass er nicht einmal die Öffnung der Waschmaschine findet.

Berta ist unentbehrlich, sie weiß es und sie agiert so. Sie erledigt ihre Aufgaben im Haus zwar, aber so, wie sie es für richtig hält. Im Befehlston lässt sie nicht mit sich reden. Den nach einer Party vollgekotzten Papierkorb des pubertierenden Jake trägt sie in die Küche. Während ihre Brotherren frühstücken. Sie wird den Papierkorb nicht sauber machen.

Wenn Berta schlechte Laune hat, tut man überhaupt gut daran, sie gar nicht erst anzusprechen.

Huldigt Berta in der Sitcom Two and and a half men linken KämpferInnen für Lohnarbeit, die es auch in Amerika gibt? Droht sie den Männern gar mit der Gewerkschaft?

Nein. Dafür signalisiert sie in jeder Szene, dass sie um ihre Unentbehrlichkeit weiß.

Die Gags in sämtlichen Szenen, in denen Berta mit den zweieinhalb Männern interagiert, bauen auf der immer gleichen Grundsituation auf, nämlich der, dass eine Lohnarbeiterin ihren und den Wert ihrer Arbeit kennt, sich entsprechend präsentiert und respektloses Verhalten nicht duldet. Die beiden Männer und der Junge sind die Bittsteller, nicht sie. Natürlich, die Männer könnten sich eine andere Haushälterin suchen, das würde aber an ihrem Grundproblem – Abhängigkeit von einer Haushälterin – nichts ändern. Da ist es doch eigentlich selbstverständlich, dass man die, von der man abhängig ist, gut behandelt. Und Charlie, Alan und Jake tun es. Sie sind jederzeit darauf bedacht, Berta nicht zu verärgern.

Warum ist eine derartige Selbstverständlichkeit Stoff für Satire?

Und bis Computer und Roboter endlich sämtliche schmutzige, unangenehme Arbeit übernehmen – warum sind wir nicht alle ein bisschen mehr Berta?

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