Monatsarchiv: Juli 2011

Anschlag Norwegen

Dass unter dem Deckmantel des Christentums zurückgeschlagen wird, war seit langem zu erwarten.
Bewiesen wurde, was seit Kreuzzügen, Hexenverbrennung usw. usf. bekannt sein dürfte: Nicht der Islam wird zu Gewalttätigkeit ge/missbraucht, sondern Religion überhaupt.
Nach der Aufklärung hat, entgegen der Meinung eines momentan hoch gelobten Philosophen, die wahre Christlichkeit ganz und gar nicht eingesetzt, wenn man unter dieser Humanismus und Nächstenliebe versteht. Lediglich die Methoden sind fortschrittlicher, Unterdrückung und Demütigungen bleiben die gleichen. Christlichkeit ist vielmehr heutzutage ein Namenszusatz für Parteien und ´Gewerkschaften´ des Kapitals, ein Sammelbecken für Verlorene, Kinderschänder, Autoritätsverliebte, ewig Gestrige usw. usf. Umgekehrt muss sich kein Mensch, der gute Taten vollbringen möchte, zuvor zu einer Religion bekennen.
Aber `im Namen des Glaubens` bleibt Macht, heute wie gestern.
Wir haben immer noch nicht auch nur den Ansatz eines Plans für ein wirklich humanes Zusammenleben.
Wäre es nicht tatsächlich an der Zeit, Religionen dort abzustellen, wo sie hingehören, nämlich im Museum, den großen alten Himmelsdaddy in die wohlverdiente Rente zu schicken, und endlich gemeinsam und ernsthaft zu überlegen, wie ein gerechtes, ökologisches Miteinander zu bewerkstelligen ist?

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Teatime

Eine halbe Stunde später ist K. da. Sie hat noch ihre Computerbrille auf.
„Die Brille…“ Ich deute drauf.
Sie zerrt sich die Brille aus dem Gesicht.
Wir liegen auf dem Sofa, trinken Pfefferminztee. Ich habe das Zeug nur für sie im Haus. Damals, vor 20 Jahren, wir bewohnten im besetzten Haus Bülowstraße gemeinsam ein Zimmer, riesig wie eine Bahnhofswartehalle, stand K. abends in der Gemeinschaftsküche und bereitete sich eine Thermoskanne voll Pfefferminztee zu. Jeden Abend, bevor sie ins Bett kroch, die gleiche Prozedur. Um uns herum Gewerkel und Gebell, Dead Kennedys, Iggy Pop und eine Session mit Bongos Marke Eigenbau, immer Geschrei wegen der Unordnung, im Becken türmte sich der Abwasch, es roch atemberaubend, niemand wagte mehr, den Berg abzutragen, aus Furcht vor der Vegetation darunter, aber K. stand chlorblondiert inmitten dieses Wahnsinns und goss in aller Ruhe, meistens summend, ihren Pfefferminztee auf. Rieche ich Pfefferminztee, sehe ich sie für immer mit der Thermoskanne die Hochbettleiter hinaufkommen.
„Shit, hier riecht´s nach Krankenlager!“
„He, he!!“
Dann ein sonniges Lachen.

aus: was ist hinter der welt?j.beer2009-2011

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Arbeit kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen

Da sitzt Frau Paesch auf ihrem gepolsterten, verstellbaren Bürostuhl, gegenüber die Gans, die allem Anschein nach soeben sinniert: Diese Arbeitslosen, diese Faulpelze, warum machen die mir das Leben so schwer?; im Nebenzimmer hockt Kernmann, Englisch lernend, you must work!, do not be lazy, or we will arrest you!, in der Nase popelnd, Pläne schmiedend, wie man diese Arbeitslosen hier vertreiben könnte, wirksam, endlich, für immer; wenn es schon keine Arbeit mehr gibt, dann auf andere Art und Weise, nur wie?
Da könnt ihr euch noch so viel Mühe geben!, denkt Frau Paesch, ihr beiden, Gans und Kernmann, noch so erfinderisch könnt ihr sein, eher ihr euch verseht, habt auch ihr ausgedient; sobald die Obrigkeit eine neue, effektivere Methode ausgeheckt hat, wie man mit Faulpelzen verfährt, sind eure Dienste hier nicht mehr gefragt, ihr könnt euch dann zu den Überflüssigen dazu gesellen; dass ihr euch immer große Mühe gegeben habt, interessiert dann niemanden mehr!
Frau Paesch läuft ein wohliger Schauer über bei diesem Gedanken, heimlich lässt sie zwei Drohbriefe, die die Gans an Unbelehrbare adressiert hat und von Frau Paesch unterschrieben werden müssen, im Reißwolf verschwinden.
Der Vormittag schreitet fort, alles wie immer, keine besonderen Vorkommnisse, aber da dringt und stürmt etwas in Frau Paesch zur Sonne hin, es ist wie ein Fieber, Frau Paesch will sich ihr nett geblümtes Blüschen herunterreißen, ihren Tarnanzug; sie sieht sich in Kernmanns Zimmer stürmen, in einem T-Shirt, wie sie es gestern bei einem jungen Mann auf der Straße sah, darauf stand in großen Lettern: Fuck you all!
Es muss etwas geschehen!, weiß Frau Paesch.


http://www.edition-schwarzdruck.de/start_lyrik_bwl.html

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