Monatsarchiv: Mai 2012

Arbeit kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen


Beer, Juliane, Arbeit kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen, Edition Schwarzdruck, Berlin 2010

Schauplatz dieses dritten Romans ist erneut das Neukölln des 21.Jahrhunderts. Hier versucht Jutta Paesch als Beraterin im Jobcenter zu retten, was zu retten ist.
Unverhohlen wird das System der Arbeitsvermittlung über die Protagonistin präsentiert als das, was es ist – ein circulus vitiosus: Wer keine Arbeit mehr hat, […] der soll umsonst die Arbeit machen, die jetzt noch bezahlte Arbeiterinnen und Arbeiter machen, die dann ebenfalls wieder die Arbeit anderer bezahlter Arbeiterinnen und Arbeiter machen sollen und so weiter. Zuletzt kommen dann alle zu Frau Paesch(11).
Diese erweist sich als Virtuosin bei der Unterwanderung der Plagiatindustrie, die von ihr verlangt, ihren Kundinnen dreijährige unbezahlte Praktika zu vermitteln. Ein Original, eine echte Arbeitsstelle, kann Frau Paesch ihren Kundinnen schon lange nicht mehr bieten, weshalb sie beschlossen hat, das Problem auf illegale Weise selbst in die Hand zu nehmen. Niemand schöpft Verdacht, denn einig ist man sich im konservativen Lager des Amtes darüber, dass nur ´wer drei Jahre arbeitete, ohne gleich nach Lohn zu schreien, zeigte, dass es ihm wirklich um die Sache ginge´(101).
Tatsächlich handelt es sich bei Frau Paeschs Engagement um die Vermittlung von Schwarzarbeit. Zusätzlich zu ihrem Hartz IV-Satz können sich ihre ´heavy Kundinnen´ nun über einen 8-Euro-Stundenlohn und tägliche Ausbezahlung freuen.
Für die Heldin ein Kompromiss auf einem Weg, der vom bedingungslosen Grundeinkommen zum nichtmonetären Kommunismus führen sollte: Geld sind abgegriffene Kontrollscheine, ginge nicht auch ohne die alles weiter? Sicher; viel besser sogar.(98)
Bei den Frauen handelt es sich ausschließlich um Schwervermittelbare. Vom Vorgesetzten Kernmann auch liebevoll tituliert als überzähliges Menschenmaterial(105). Frauen über 45 demnach, deren Stellen im Zuge der ^Flexibilisierung^^ des Arbeitsmarktes wegrationalisiert oder zur Bereinigung der Statistiken in ABM-Stellen umgewandelt worden sind. ´Falls Frau Paesch alles so weitergehen ließe, würde sie sich strafbar machen, ein Verbrechen an der Menschheit würde sie begehen.´(40)
Ihr einsamer Kampf ist eine selbstauferlegte Bürde und nicht die einzige im Leben der Heldin, denn als personifizierter Widerspruch sitzt ihr mehr oder weniger pflegebedürftiger Vater allabendlich mit ihr auf der Couch. Da bleibt für soziale Kontakte keine Zeit und alle haben dafür Verständnis. Nur ist Papa Paesch schon vor vielen Jahren samt seinem alten Opel an der Kreuzung Sonnenallee Ecke Panierstraße in Flammen aufgegangen.
Seltsam auch, dass die einzigen beiden Kundinnen, die sich Paeschs Plänen widersetzen und alles auffliegen lassen könnten, auf rätselhafte Weise ums Leben kommen. Das nun auftretende Ermittlerteam reiht sich umstandslos in das Ensemble skurriler Persönlichkeiten ein. Sascha, eine konservative Lesbe mit Helfersyndrom, versucht mit Psychopharmaka ihre Angstzustände in den Griff zu bekommen und schafft es dennoch, auch das letzte Geheimnis der Hauptverdächtigen zu lüften. ´Nein, dieses Mädchen ist nicht nach Frau Paeschs Geschmack, dieses Mädchen sorgt dafür, dass der ganze Unsinn weiter gedeiht, dass Weiber helfen, dass Weiber sich opfern.´(113)
Jakob hingegen ist nicht einfach nur ein engagierter Drogenfahnder, der gelegentlich zum Selbstversuch neigt. Jakob ist ein Bulle, ´der nicht mal Bulle sein will, sondern lieber Drogenabhängiger´(200).
In diesem Roman weht die schwarze Flagge. Sie weht auch buchstäblich über der Bar der illegalen Kneipe, die Frau Paesch regelmäßig und inkognito besucht. Ihren Stammplatz hat sie nach dem Marcuse-Zitat gewählt, das an die Wand gesprüht ist: Die herrschende Logik ist die Logik der Herrschaft!(66) Nur in diesem Etablissement, in dem wegen des Nikotinverbots ausschließlich Marihuana geraucht wird, scheint sie auf Gleichgesinnte zu treffen. Zu vorgerückter Stunde tragen Lebenskünstler und Straßenpoeten ihre Wutverse gegen das System und die Eindimensionalität vor. Hier versteht Frau Paesch und nur hier fühlt sie sich verstanden.
Fraglich ist, ob wir den beiden arbeitslosen drogentoten Mittvierzigerinnen aus Neukölln tatsächlich Mitleid entgegenbringen sollen, denn sie werden uns als Vertreterinnen eines alltäglichen absurden Opportunismus präsentiert. Frau Ritter, die seit zwei Jahren ihre Arbeitslosigkeit vor ihren Nachbarn verbirgt, indem sie jeden Morgen brav das Haus verlässt, ´hat Angst vor Kommunisten, sagt das aber nicht, denn sie könnte auf Nachfrage nicht erklären, warum […] Nein, ihr gefällt die Demokratie, sie will auch weiterhin alles mitbestimmen, was im Land geschehen soll.´ (58)
Marion S. hingegen verweigert sich vehement einem Alphabetisierungskurs. Beide Figuren werden ungewollt zu Märtyrerinnen eines Systems, das es abzuschaffen gilt.
In diesem romanförmigen Plädoyer für ein Aufbegehren der Unterdrückten wird der Konformismus, der dem Verhältnis von Vernunft, Mitleid und Angst entspringt, ausgelotet. Das ´Problem Regierende und was man mit denen machen sollte´(85) bildet den revolutionären Kern der Handlung. Als unerträglich wird von Paesch demgemäß auch das resignierte Geschwätz intellektueller, vermeintlich linker Diskutanten empfunden, die sich trotz besserem Wissen der Negation verweigern.
Juliane Beer bedient in ihrer Literatur keine Klischees, sondern widmet sich unbequemen Wahrheiten. Weit entfernt davon eine einfache Milieustudie oder ein nur spannender, aber seichter Krimi zu sein, stellt dieser Roman eine dringliche Frage: ´Und wenn sich niemand an die unsinnigen Gesetze halten würde? Man kann doch nicht alle Menschen verhaften?!´(97) Der Roman erschüttert mit brachialer Sprachgewalt und amüsiert mit brillant bitterem Sarkasmus. Stilistisch und politisch ist mensch mit Juliane Beer auf der richtigen Seite.
Sarah Waterfeld (Berlin)
DAS ARGUMENT 296

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