Monatsarchiv: März 2012

Über die Tagesgläser

[…]Die Anderen schritten über den Opernvorplatz; einige
geruhsam, viele eilig.
Er sah ihnen eine Weile dabei zu, dann fragte er: »Was tun
die dort unten?«
»Ganz genau kann man das nie voraussehen«, antwortete
ich, »doch bestimmte Anhaltspunkte, wie zum Beispiel die
Geschwindigkeit ihrer Bewegungen oder das allgemeine
Streben zur Südseite oder aber zur Westseite des Platzes,
habe ich schon. Sieh her!«
Wir hockten uns auf den Boden vor meine sieben Tagesgläser.
Ich hatte sie so aufgebaut, dass sie einen Kreis
bildeten. Ich nahm das Glas des heutigen Tages und hielt
es ihm hin. Wie in jeder der Flaschen schwammen achtzehn
winzige Steinchen darin.
»Wieso achtzehn?«, wollte er wissen.
»Diese achtzehn Steinchen stellen die Essenz der Anderen
dar. Damals, als ich die Wohnung bezog und auf
den Vorplatz hinunterzublicken begann, wollte es mir
nicht gelingen, dort irgendeine Ordnung auszumachen.
Nicht einmal eine Tendenz – obwohl ich es vier Tage lang
versuchte.
Am fünften Tag kam mir eine Idee. Ich zählte
eine Woche lang jeden Tag vom Moment des Erwachens,
welcher immer mittags um eins stattfand, bis zu dem Moment,
in dem der Opernplatz sich geleert hatte, was um
zehn Uhr abends der Fall war, die Anderen.
Dabei zählte jeder den-Platz-Überquerende nur einmal. Kam einer später noch einmal zurück oder ging mehrere Male auf und ab, so
wurde er natürlich trotzdem nicht doppelt oder gar dreifach
gezählt.
Abends schrieb ich das Tagesergebnis neben den
jeweiligen Wochentag auf ein Blatt Papier.
Am Ende der Woche ergab sich Folgendes: Am Montag hatten 1200 Andere den Opernplatz betreten, am Dienstag 1300, am Mittwoch
waren es 1000 gewesen. Am Donnerstag merkte man, dass
das Wochenende, welches die Anderen für Ausflüge nutzen
und deshalb sehr schätzen, näher rückte. Es kamen 1800, am
Freitag sogar 2000. Am Samstag schließlich wurde mit 2100
den-Platz-Überquerenden der Höhepunkt erreicht. Sonntag
wurde es wieder ruhiger. Die Anderen ruhten sich von ihren
Wochenendaktivitäten aus. Außerdem bleiben die Vorplatzgeschäfte
an diesem Tag grundsätzlich geschlossen. So
kamen nur 1000 Andere.
Am achten Tag zählte ich nicht mehr, sondern addierte
die Ergebnisse. Diese Summe teilte ich durch die Anzahl
der Tage, an denen ich gezählt hatte, nämlich sieben. Aus
diesem Ergebnis, welches mir verriet, wie viele Andere im
Durchschnitt jeden Tag über den Platz gegangen waren, bildete
ich die Quersumme – die Essenz. Es ergab sich die Zahl
achtzehn. So füllte ich achtzehn Steinchen – das Konzentrat
der Summe aller den-Vorplatz-überquerenden Anderen – in
jedes Tagesglas.«
»Sind es immer die gleichen Steinchen?«, fragte er.
»Nein. Es sind auch nicht immer die gleichen Anderen,
die vor dem Opernhaus auf und ab gehen. Einmal im Monat
lese ich neue Steinchen vom Vorplatz auf. Auch das Öl,
in dem sie schwimmen, erneuere ich an diesem Tag. Ich
benutze Rapsöl. Es ist geruchsneutral. Das ist mir deshalb
wichtig, weil die Flaschen nur mit einem luftdurchlässigen
Korken verschlossen sind. Mittags, nachdem ich aufgestanden
bin, schüttle ich das Glas für den jeweiligen Tag …«[…]
aus: über den fortgang der dinge copyrightj.beer

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