Monatsarchiv: Dezember 2014

Einen vergnügten Abend & ein wunderbares Jahr 2015

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wünscht Euer Privatomat

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Der Privatomat macht eine kurze Jahresend-Pause. Und im Januar kommt Frau Dr. E.


Letzter Mittag in Hamburg.
Ich bin auf dem Weg zum Bistro an der Jessestraße. Langsam und bewusst gehe ich, will noch einmal diesen unvergleichlichen, salzig-kühlen Hamburger Duft genießen.
Schwerer Abschied.
Auch die Angst meiner Nachbarin vor dem Leistungsknick im einsamen Dreikampf erleichtert mir den Umzug in die Kleinstadt, wo es gemächlich zugeht und man freundlich zueinander ist, nicht. Vielmehr kriege ich selbst Angst, nämlich vor den überzuckerten Kleinstadtbewohner*innen, die die bittere Einsamkeit der neuen Ärztin unbekömmlich finden. Eine Magenverstimmung macht die Runde, verschont zuletzt auch die Neue nicht. Will sie das?
Nicht unbedingt.
Und deshalb zog es mich in die Großstädte, von Paris nach Berlin, von Berlin nach Hamburg. Auch wenn die Mieten und Aggressionen steigen birgt die Großstadt für mich den Vorteil, dass man dort eben naturgegeben einsam ist, das Leben lenkt es in diesem Geschubse von Träumen, Absichten und Schicksalen ganz einfach so, und keiner der Beteiligten muss sich mehr rechtfertigen.
Einmal bin auch ich schon in der Kleinstadt gelandet, als Teenager, unfreiwillig. Die Familie zog häufig um, interne Probleme erforderten es.
Die Kleinstadt war ein Albtraum aus Konfirmationsunterricht, dicken, wattegefütterten Monatsbinden und Klassenfotos. Die anderen Mädchen posierten mit ihren ersten Nylonstrümpfen und Pumps auf dem Foto, das ich sofort wegwarf. Ich wollte es wohl vermeiden, mich später an diese Zeit erinnern zu müssen. Aber auch wenn das Foto nicht mehr da ist, der Moment der Aufnahme hat sich mittels Blitzlicht für immer ins Hirn eingebrannt. Dazu die süßlich-alkoholische Note des Mädchenparfüms My Melody um mich herum. Die Zeit davor verschwimmt. Konfirmationsunterricht hier, und da abendliche Ausgangssperre zwecks spiritueller Besinnung. Zitternd ausgesparte Kommentare über Gott, den man, ob es ihn gäbe oder nicht, keinesfalls verärgern durfte, wer wüsste denn, was dann passieren könnte.
Auch an mein mühsames Zusammensuchen von Informationen erinnere ich mich vage, damals, als es noch kein Internet gab. Nachmittage in der öffentlichen Bibliothek. Bei den Freundinnen zuhause herrschte Gläubigkeit oder Ungläubigkeit, beides sei ein Gefühl, wurde mir von den Müttern erklärt.
Das Risiko, zu besprechen, ob es Gott gäbe oder nicht, wurde bei mir zuhause der Kirche übertragen. Es konnte nichts gefühlt werden außer Angst und Zorn…
Ich bin erwachsen geworden. Muss mir keine Tricks und Kniffe mehr einfallen lassen, den Konfirmationsunterricht zu schwänzen, muss keine verschwitzen Beine unter hautfarbenem Nylon mehr ertragen, weil die anderen Mädchen das auch aushalten.
Ich gehe in der Kleinstadt natürlich genauso angezogen, wie in der Großstadt.
Weite Hosen, Lederjacke, rahmengenähte mexikanischen Boots. Ich werde mein Haar weiterhin offen, schulterlang und in der Mitte gescheitelt tragen. Drei silberne Ringe in jedem Ohr. Auch wenn das in der Kleinstadt möglicherweise seltsam anmutet für eine Frau Mitte 40, wo es in Berlin oder Hamburg vollkommen normal ist, wird mich dennoch niemand dafür belangen, denn ich bin eine Ärztin. Man wird eine Erklärung finden, warum eine Ärztin wie angezogen geht.

aus: Frau Dr. E. liebt die Abendsonne

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