Monatsarchiv: Oktober 2018

Bedauerlicherweise noch immer aktuell

1-022

 

Die Frau heißt Bea Wein. Auch das noch, denkt Murr.  Aus Braunschweig kommt sie. Verdeckte Ermittlerinnen sollten immer aus einer anderen Stadt kommen. Das ist richtig. Aber in Fernseh-Krimis wie im echten Leben wird sich häufig nicht daran gehalten. Im Krimi wegen der Dramaturgie, im echten Leben herrscht Personalmangel. Bei Frau Wein läuft es richtig, stellt Murr fest. Zumindest, was die Vorschriften angeht.

Alles Weitere wird sich zeigen, denkt er, ist misstrauisch und weiß nicht warum.

Wein ist Mitte vierzig und soll ab sofort als arbeitslose Sozialarbeiterin Andrea Kain, die gerade nach Berlin gezogen ist, um sich unter anderem politisch zu engagieren, die linke Szene untersuchen. Was wird dort gegen die Immobilienbranche ausgeheckt? Geht der Mord auf das Konto einer autonomen Gruppe? Ihr Spezialgebiet sei linksmotivierte Gewalt, wie sie Murr erklärt. Dieses wäre ihr zweiter Fall als VE. Ihren ersten Einsatz habe sie 2007 im Vorfeld der Hausdurchsuchung in der Roten Flora* absolviert. Dazwischen war sie im Innendienst tätig. Murr bezweifelt, dass Aktivisten eine VE nach neun Jahren nicht mehr erkennen, herrje, im Zeitalter des Internets! Hamburg, Berlin – ist doch eine Truppe. Aber gut. Einsatzleitung ist nicht seine Aufgabe.

Der Fall Parkhenkerei ist ‚typisch Berlin‘, nicht wahr, Herr Murr?“, sagt sie und lacht kurz. Aber abgesehen von der linken Gewalt sei die Stadt ihr sympathisch, weil es kaum Rassismus und Diskriminierung gebe.

Köhlers Augen leuchten schon die ganze Zeit beim Anblick der Wein. Sein blasses, teigiges Gesicht bekommt direkt ein bisschen Kontur. Auf ein Zeichen von Murr nimmt er seine Akten unter den Arm und verzieht sich, wenn auch widerwillig, in sein Büro. Er ist für die Schreibtischarbeit zuständig, Schlampigkeit hin oder her. Da Murr ihn nicht eingestellt hat, muss er sich diesbezüglich nichts vorwerfen.

Murr kommentiert die Einstand-Statements der neuen Kollegin nicht, lässt sie weiter referieren über die linke Szene, die man gerade momentan im Auge behalten müsse. Er findet Frauen ohne Durchblick unattraktiv, selbst wenn sie groß und schlank sind und lange Haare und schöne Augen haben. Und ob der Fall ‚typisch Berlin‘ sei, weiß Murr nicht. Er ist in Berlin geboren und arbeitet seit über dreißig Jahren hier, für ihn ist also jeder bisherige Fall typisch Berlin. Er hat aber auch keine Lust zu diskutieren, also nickt er nur. Wenn sie etwas länger in der Stadt bleibt, wird sie lernen, dass auch Immobilien-Spekulationen, Wuchermieten und Vertreibung armer Menschen aus der Innenstadt ‚typisch Berlin‘ sind. Vielleicht interessiert sie sich dann nicht mehr so sehr für linke Gewalt. Mal sehen.

Also“, sagt Bea Wein. „Was haben wir?“

weiter lesen?

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Info