Monatsarchiv: Februar 2011

Gentrification

Die Winter verbringen wir in Brighton. Diese Langeweile! Nur Multimillionäre wie wir. Belauern sich, warten, dass jemand etwas tut oder sagt, das ihn als Neureichen outet. Das Label nicht aus Markenklamotten heraustrennt, zum Beispiel. Oder sich im Café die Reste des Kaviarfrühstücks einpacken lässt, um zuhause Muschi oder Puschi, oder wie diese Tiere sonst noch heißen, damit zu füttern. Und dann wird geklatscht.
Anschließend schneidet man die Proleten.
Aber was nützt es?
Die Langeweile geht von vorne los.
Anfang des Jahres erlebten wir, William-Christopher und ich, allerdings mal etwas anderes. Echtes Leben:
Am Morgen des 3 Januars um 7 Uhr 15 erhoben wir uns von unseren Wasserbetten und fuhren nach London.
Dort stellten wir uns auf den Camden Market und sprachen zwei ärmlichst bekleidete Punks an, fragten, ob wir ihnen unseren Mercedes schenken dürften. Sie wollten ihn. Die Übergabe ging rasch vonstatten. Wir hatten es eilig, sahen nur noch, wie einer der beiden armen Hascherln sogleich den Mercedesstern abbrach und an seiner Halskette befestigte.
William-Christopher fand die Idee übrigens ganz gut, wenn auch nicht mehr brandneu.
Nun denn. Wir trampten nach Heathrow, nahmen dort den nächsten Flieger nach Deutschland.
In Berlin Tegel angekommen, kauften wir uns einen alten, gebrauchten Peugeot. Eigentlich sollte dieser Oldtimer einen Leihwagen darstellen, unverantwortlich!, das Ding quietschte und heulte, und die Polster rochen nach… lassen wir das! Für unsere Zwecke, ein paar Wochen Erholung von Brighton, reichte die Kiste aber gerade noch.
Wir drückten dem Autoverleiher 60000 Euro in die Hand, er setzte an, etwas zu sagen, wahrscheinlich wollte er mehr, aber ich winkte ab; auch Multimillionäre müssen ein wenig aufs Geld aufpassen. Von nichts kommt nichts. „Stecken Sie es weg und Ruhe!“, sagte ich streng.
„Benötigen Sie keine Quittung?“, stammelte der Kerl.
Oh du lieber Himmel, ich vergaß – in Deutschland hat alles seine Ordnung. Quittung! Wofür das denn? Für die Steuer, wie!?
William-Christopher musste fahren, in meinen Kreisen fährt eine Lady nicht, na schön, Sonntags, wenn das Wetter es zulässt, vielleicht mal das Cabriolet, aber das ist auch schon das höchste der Gefühle.
William-Christopher schimpfte, denn er hatte noch nie so einen Haufen Schrott auf vier Rädern gefahren. William-Christopher ist mein Zwillingsbruder, mein siamesischer Zwillingsbruder, nach der Geburt hat man uns erfolgreich getrennt, an den Daumen waren wir zusammengewachsen, aber in Amerika war es gelungen, daumenerhaltend zu operieren. Doch das nur nebenbei, zurück zum Hauptgeschehen:
Wir fuhren nach Neukölln
Dort besichtigten wir mehrere Wohnungen, da wir eine zu kaufen beabsichtigten. In Neukölln ist was los. Geheimtipp. Noch.
Aber alles ein wenig beengt hier, ehrlich. Also kauften wir ein Hinterhaus. Zwar bestand das nur aus insgesamt 12 Zimmern neben diversen Küchen und Klos, aber gut, auch Leute wie wir können sich bescheiden.
Wir zogen uns arm an. Anoraks auf links gedreht (selbstverständlich gehören wir zu den Menschen, die aus Designer-Bekleidung sofort das Label heraustrennen), Wollmützen auch, und um die Ecke, im Second Hand Laden, fanden wir Cordhosen; so was von rotten waren die!
Nach ein paar Tagen in diesem Outfit hatten wir Freunde gefunden. Echte Arme. Wir gaben uns als mittellose, schottische Tramps aus, die das Hinterhaus unrechtmäßig besetzt hatten. Immer die Ahnung der Polizei im Nacken sozusagen. Dazu Hunger und Kälte.
Unsere neuen Freunde fühlte mit uns. Lustige Leute, abends saßen sie bei uns, erzählten ganz schön wilde Geschichten. Man arbeitete teilweise. So was aber auch! Unfassbar und aufregend zugleich, was da erzählt wurde! Da musste man zu einer bestimmten Zeit kommen zu dieser Arbeit und durfte erst wieder gehen, wenn die vorher vereinbarte Zeit rum war. Und was man da machen musste… nein, das geht mir nicht über die Lippen. William-Christopher stand der Mund offen. Immer. Ich riss mich zusammen, wollte uns nicht verraten, tat so, als würde ich die Sache mit der Arbeit kennen. Aber in der Küche, unbeobachtet, beim Aufbrühen von Tee, der – unter uns gesprochen – ziemlich widerlich, aber eine Lebensmittelspende unserer Freunde war, denn wir lebten nur von Spenden, brach mir regelmäßig der Schweiß aus, ob der bildlichen Vorstellung solcher Betätigungen wie Arbeit.
Was angenehmes: Einen Liebhaber hatte ich dann auch. Einen armen Studenten. Hübscher Bengel. Blonde Locken, süßer Po. Bezaubernde 26 Jahre alt. Sie haben Verständnis dafür, dass ich über mein eigenes Alter stillschweige.
Abends, wenn die Temperatur in unserer bescheidenen Behausung unter den Gefrierpunkt fiel, kauerten wir in einem unserer 12 Zimmer, mein Liebhaber und ich, frierend, weil wir ja kein Geld zum Heizen hatten. Wir kuschelten uns also zusammen in eine alte Pferdedecke, oder aßen in der Küche, die man beheizen konnte, indem man die Backofenklappe des angeschalteten Gasherds offen stehen ließ. Wir aßen Nudeln ohne alles… na, schön, Salz gab es.
Nachts schliefen wir unter 3 Federdecken, die man mir in der katholischen Kleiderkammer geschenkt hatte. Inklusive Tierchen, die aus den offenen Nähten besagter Decken gekrabbelt kamen, sobald das Licht ausging.
Herrlich dieses Leben! Aufregend! Lovely Jubbly! Terrific!
Aber wie man weiß ist das Glück flüchtig:
William-Christopher und ich verrieten uns!
Besser gesagt: Unsere Unterwäsche, die wir im Waschsalon um die Ecke zu reinigen pflegten, verriet uns. Sie trug ja das Siegel Royal Warrant Holder Association! Eingestickt im Gesäßbereich, da war nichts mit Rausschneiden. Wir hatten nicht bedacht, wie das auf die Menschen hier wirken könnte.
Ich will Ihnen den unschönen Teil unseres Abenteuers en Detail ersparen. Nur soviel: Man jagte uns davon. William-Christopher hatte versehentlich zwei unserer Unterhosen in einer Maschine des Waschsalons auf der Sonnenallee vergessen. Die Aufsicht muss sie gefunden haben, eine ältere Lady mit Wagner-Busen und chronisch verschmierter Lippenpomade. Über ihre Mimik oder Gestik, als sie jenes Wappen auf der Untertrikotage sah, gibt es keine Zeugenberichte. Aber der Skandal entwickelte sich zeitverzögert, deshalb hege ich den Verdacht, dass sie erst mal im Internet nachgoogeln musste, was jene Unterhosenprägung zu bedeuten hatte.
Und sie muss fündig geworden sein, dieses verdammte Internet!
Die Sache sprach sich daraufhin sofort rum.
Wir wurden geschnitten. Man drohte uns Prügel an!
Wir waren erledigt.
Man gab uns drei Stunden.
Wir flohen; der letzte ahnungslose Taxifahrer der Stadt brachte uns zum Flughafen Tegel.

Nun sitzen wir wieder in Brighton auf der beheizten Sonnenterasse.
Diese Langeweile!
©j.beer

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Punk is not dead

Karl-Theodor zu Guttenberg, Doktor der Nation, bewegt einmal mehr die Herzen.
Tobias Huch, Anbieter von Altersverifikationssystemen für Erotik-Webseiten hat auf Facebook eine Soli-Seite für den Minister eingerichtet. Mit einem Klick auf den „Gefällt mir“-Knopf kann man kundtun, dass man Karl-Theodor wegen Kleinigkeiten wie einer gefakten Doktorarbeit nicht böse ist. Dieses Wochenende wurde Tag & Nacht durchgeklickt.
Einer Emnid-Studie zufolge wollen nun 47 Prozent der Bundesbürger, dass Guttenberg seinen Doktortitel zurückgibt. 58 Prozent von 500 Befragten meinen, Guttenberg sei kein Betrüger. Man hat Nachsicht mit ihm.
Nachsicht ist etwas, das ein erwachsener Mensch bei Kinderstreichen oder den Taten geistig Verwirrter hat.
Mensch, Leute, wirft das wieder ein Licht auf unser Land!


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Frau Paesch und die Drogen

Frau Paesch, Beraterin im Job-Center Berlin Neukölln, versucht ihre Kundinenn davon abzuhalten unterbezahlte Arbeit anzunehmen. Lieber faul sein. Sich verweigern. Bis die Ausbeuter zur Vernunft kommen und einen anständigen Lohn zahlen. Doch Frau Paeschs Klientel will arbeiten, um jeden Preis. Zur Not sogar umsonst.

Da Frau Paesch für derart unappetitliche Aktionen nicht zu haben ist, aber keine gut bezahlten Jobs im Angebot hat, ruft sie ein äußerst erfolgreiches Praktikumsprogramm ins Leben: Sie vermittelt ihre Schützlinge in Schwarzarbeit.
Aber was haben die Todesfälle in ihrem Umfeld zu bedeuten? Warum stürzen sich bisher unauffällige Frauen im halluzinogenen Pilzrausch in den Tod?

Mehr dazu am Mittwoch, 23. Februar um 19:30 im

Buchladen
Buchkönigin
Hobrechtstraße 65
U7 Schönleinstraße

Im Anschluss an die Lesung gibt es einen Vortrag von Katrin Heinau zu der Idee des bedingungslosen Grundeinkommen, und diskutiert werden kann/soll/darf auch.

Juliane Beer und Katrin Heinau sind Schriftstellerinnen und beschäftigen sich seit Jahren mit dem Thema bedingungsloses Grundeinkommen.

Eintritt frei

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Erster Prozeßtermin gegen Buchläden am 18. Februar 2011

Am Freitag, den 18.02.2011 um 9:00 Uhr soll der Prozeß gegen den Geschäftsführer des Buchladens oh21 im Raum 455 des Amtsgerichtes Tiergarten stattfinden.
Wir freuen uns über zahlreiche Unterstützer_innen!

Am 18. Februar 2011 soll der Geschäftsführer des Buchladens oh21 am Amtsgericht Tiergarten des „Anleitens zu Straftaten“ und „Verstoßes gegen das Waffengesetz“ angeklagt werden. Im vergangenen Jahr hatten die Berliner Staatschutzbehörden wiederholt die Berliner Buchläden M99, oh21 und Schwarze Risse (Kastanie + Mehringhof) durchsucht und Zeitschriften oder Flugblätter beschlagnahmt. Inzwischen laufen mehrere Ermittlungsverfahren gegen die Geschäftsführer der jeweiligen Läden. Auch andere Projekte linker Gegenöffentlichkeit wie der Berliner Antifa-Laden Red Stuff, mehrere Internet-Provider sowie ein autonomer Veranstaltungsort in München standen 2010 im Visier des Staatsschutzes. Sollte es am 18. Februar zu einer gerichtlichen Verurteilung des Geschäftsführers kommen, würde dies eine Verschiebung der Rechtssprechung dahingehend bedeuten, dass BuchhändlerInnen für die bei ihnen ausliegenden Texte strafrechtlich verantwortlich gemacht werden können. Dies hätte eine neue Qualität!

Doch geht es nicht nur um die Dimension einer juristischen Verurteilung. Angesichts der Tatsache, dass Publikationen in Zeiten des Internets nicht unter Verschluss zu halten sind, und dass die Staatschutzbehörden immer wieder bei denselben vier Läden aufgetaucht sind, ist von einer politisch motivierten Strafverfolgung auszugehen, die weniger das Ziel verfolgt, bestimmte Zeitschriften möglichst vollständig aus dem Verkehr zu ziehen, als die Kriminalisierung und Einschüchterung der betroffenen Projekte. Die Fokussierung auf Gewalt – in den Durchsuchungsbeschlüssen und häufig auch in der öffentlichen Berichterstattung – ist nur das Mittel, um linksradikale Kritik und Praxis als Verbrechen zu diffarmieren. Der angewendete §130a (Anleiten zu Straftaten) ermächtigt als sogenannter Ermittlungsparagraph die Staatschutzbehörden, eine Szene mittels Observationen, Durchsuchungen und Beschlagnahmungen von Datenträgern zu durchleuchten.

Linke Buchläden sind zentraler Teil linker Infrastruktur. Sie sind Schnittstellen zwischen breiter Öffentlichkeit, linken Strömungen und Subkulturen. Sie sollen mit solchen Verfahren unter Druck gesetzt werden, als vorgelagerte Zensurbehörde des Staates zu fungieren. Ein gewünschter Nebeneffekt ist sicher, dass so Berührungsängste geschürt werden.

Von diesem Kriminalisierungsversuch sollten sich daher ALLE betroffen fühlen, die Flugblätter, Plakate und Broschüren auch in Zukunft in Buchläden auslegen oder vorfinden möchten, alle, die die Läden als Kontaktadresse nutzen, die Bustickets nach Dresden oder ins Wendland kaufen möchten und all diejenigen, die linke Buchläden schätzen, weil sie dort in einem Bücherbestand stöbern können, der weitestgehend unabhängig von kommerziellen Kriterien zusammengestellt wird und frei von staatlicher Zensurvorgabe!

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Das Schrottplatz- Faktotum Ludolf ist gestorben

Leute, momentan sterben so viele… Auch H.G. Ludolf aus der ähnlich betitelten TV Schrottplatz-Serie macht da keine Ausnahme.
Hier kann man ihn noch mal sehen:

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Kommunisten… geht weiter

http://www.jungewelt.de/2011/02-02/018.php

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