Schlagwort-Archive: Kreuzkölln Superprovisorium

Kreuzkölln Superprovisorium in DAS ARGUMENT 307/2014 ©

Beer, Juliane,
Kreuzkölln Superprovisorium, Michason & May, Frankfurt/M 2013 (226
S., br., 14,80€)

Juliane Beer ist sich auch mit ihrem vierten Roman treu geblieben. Schauplatz bleibt
Berlin-Neukölln, das Armutsmilieu. Doch sind dies keine Synonyme mehr. Neukölln
ist Berlins Bronx, Neukölln rockt, Neukölln hat einen eigenen Reiseführer. Von einem
Hype zu sprechen, wäre billiges Understatement: Neukölln ist das Omega der Berliner
Seele. Fast hat es den Anschein, als könnte sich letztlich hier alles entscheiden. Kreuzkölln Superprovisorium ist ein Gentrifizierungsroman. Er handelt davon, dass Menschen
aus ihren Wohnungen, Gewerbe-und Kunsträumen vertrieben werden, notfalls geräumt,
damit luxussaniert, verkauft oder zu horrenden Preisen neu vermietet werden kann. Er
handelt vom guten alten Klassenkampf. Präsentiert werden unterschiedliche Wege, wie
mit der Gentrifizierung umgegangen werden kann. Kampfstrategien und Opportunismen
werden ausgelotet, entlarvt und verworfen. Die Wege erweisen sich allesamt als Trampelpfade,
als Sackgassen ohne Wendemöglichkeit.

Marlon zählt zu den Menschen, die sich selbst gern als Realisten bezeichnen. Marlons
Karriere mutet beinahe klassisch an: Vom Punk, Hausbesetzer und Barkeeper über Spätstudium
zum frustrierten Sozialarbeiter zurück zum Barkeeper mit Option auf noch spätere
Sozialarbeit, vielleicht. Im Elternhaus warten Rücklagen und Erbe. Echte Existenzangst
kennt er nicht. Den Kapitalismus hält er für entartet aber alternativlos. Er ist eben ein
Menschenkenner. Er hat auch erkannt, »dass man nichts Richtiges im Falschen vollbringen
kann; und wenn man es versucht, bestenfalls als rührender Utopist belächelt wird.« (136)

Sam hingegen wünscht sich eine andere Gesellschaft, eine gerechtere .– jeder nach
seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Sam ist eine nicht aufstrebende,
unambitionierte Künstlerin. Auf ihre Arbeiten hat die Welt gewartet: Der Rixdorfer
Richardplatz in Kohle und Acryl auf zwei mal drei Metern Leinwand in schwarz und
vier verschiedenen Rottönen. Auf Metaphern wird im Roman nicht verzichtet. Ohne
staatliche Zuschüsse kann sich Sam trotz der durchschnittlich vier verkauften Werke
im Jahr nicht über Wasser halten. In den 80er Jahren der Hölle des kleinstädtischen
bürgerlichen Familienidylls entkommen, lebt Sam nun schon seit mehr als 20 Jahren
in Berlin-Neukölln. Neukölln ist demnach zumindest ihre gefühlte Heimat. Im Schutz
der Mauer konnten Punks wie Sam und Marlon einst der Freiheit in besetzten Altbauten
frönen. Vom falschen System war man nun nicht gerade befreit, aber von der Zeigefinger-
Pädagogik der Eltern wenigstens. Das fühlte sich schon fast wie Kommunismus an, für
Sam jedenfalls. Westberlin war durch den antikapitalistischen Schutzwall tatsächlich
geschützt und bot alternativen Lebensmodellen einen Hort der Sicherheit. Doch mit dem
Mauerfall ging es für Sam, für alle Berliner eigentlich, bergab, »weil das Böse gekommen
war, und seine Schwester, die Armut, mitgebracht hatte« (120).

Immobilienhaie, Investoren und karrierebewusste Yuppies strömten in die Stadt. Erst
verschandelten sie die Bezirke Prenzlauerberg, Mitte und Friedrichshain, dann fraßen sich
die Heuschrecken durch in Richtung Treptow-Köpenick, Pankow und Kreuzberg. Letztlich
landeten sie in Neukölln, wo der Krieg nun in vollem Gange ist .– Kampfhund gegen
Veggie-Frisör. Juliane Beers Klageschrift ist ein Zwischenbericht des Gentrifizierungsprozesses in Berlin und ein Künstlerroman. Sam entpuppt sich als Antiheldin, als egozentrische Aussitzerin, die sich von dummen Sklaven und verabscheuungswürdigen Sklaventreibern umgeben sieht und online Spenden sammelt für ihr längst gekündigtes Atelier mit dem bedeutungsschwangeren Namen .›Supramarkt.‹. Auch der Indianer Isidor sammelt Spenden,denn er spielt Musik, wenn das »Gentri-Pack« (138) einen Euro in ihn steckt. Doch das Gentri-Pack hat keine Solidarität, sondern nur ein Achselzucken für den von der Räumung
bedrohten Kunstladen übrig. Schon am ersten Tag hatte ein »verblödeter Hipster« (139)
versucht Isidor zu klauen, weshalb Sam ihn anketten musste. Es ist ein Elend.

Über die Verlockungen des Kapitalismus ist die Künstlerin erhaben. Marlon hingegen
ist angewidert von Sams Selbstgerechtigkeit und ihrer Verklärung der Neuköllner Ureinwohner,
»die ihre Fernseher auf Überlautstärke betrieben, ihre Sozialhilfe versoffen«
(139). Für Sams Nachbarin erweist sich die Krebserkrankung beinahe als Segen. Endlich
muss sie nicht mehr das Mobbing ihrer Kolleginnen ertragen, die sich von ihr nicht
haben aufwiegeln lassen. Zu groß war deren Angst vor der Arbeitslosigkeit.
Und dann wäre da noch der namenlose cholerische Pseudo-Revolutionär, der Misanthrop, der auf
Parteiveranstaltungen das weibliche Publikum mit seinen Hasstiraden entzückt. Die
Delegierten der Partei nehmen Sams Sorgen immerhin zur Kenntnis: »Man würde beim
nächsten Parteitag in fünf Monaten beantragen, darüber zu sprechen.« (62)
So ist sie, die bürgerliche Linke, und Sam ist entsetzt. Natürlich wird der Choleriker ihr Liebhaber, bis Möbel aus dem Fenster fliegen, und doch lässt sie ihn wieder ein, so authentisch wie er ist.
Das einzig konsequente an Sam ist ihre Inkonsequenz. Sie trommelt zum Aufstand
und liebäugelt dann doch mit dem Plattenbau am Stadtrand, und außerdem gibt es da ja
noch das Ausland. Für einen kurzen Moment, beim Blick in den Spiegel, versucht sie zu
begreifen, »was es bedeutet, wenn es plötzlich keine Trost- und Trugbilder mehr gibt«
(224), doch dieses Sinnflimmern vergeht wie auch die symbolischen Mieten im edlen Dunst des neuen Soulfood-Bio-Vietnamesen an der Ecke.

Resignation hat viele Facetten. Dieses scheinbar pessimistische Werk, dieser kunstvolle
Kriegsroman, dieser kriegerische Kunstroman, lässt sich allein von seiner Leerstelle
aus interpretieren. Einziger Ausweg ist das Ungesagte. Die Leserschaft ist Hauptfigur aller Romane Juliane Beers, die es sich auch diesmal nicht nehmen lässt, die Wunden der
linken Bohème notfalls mit Gewalt aufzureißen, um Dreck hineinzureiben. Sam jedenfalls
hat der Gentrifizierung nichts entgegenzusetzen. So liegt es denn an uns: »Verehrtes
Publikum, los, such dir selbst den Schluss! Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!«

Sarah Waterfeld (Berlin) DAS ARGUMENT 307/2014 ©
http://www.argument-verlag.de/wissenschaft/zs306-310.html

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Info

Der Authentizitätsfaktor

[…]„Herrje, Sammy, in dieser Stadt, wo nach wie vor jeder zweite glaubt, Künstler zu sein, willst du groß herauskommen? Fang jetzt mal was altersgerechtes an, es wird höchste Zeit! Die Berufsbezeichnung Künstlerin ist geschützt, seit Berlin sich feinmacht. Erst ab einem sechsstelligen Jahreseinkommen darf man sich jetzt offiziell so betiteln.“
Sam hielt nichts von derartigen Modeerscheinungen. Und aufs große Rauskommen konnte man nicht hinarbeiten. Fand sie nach wie vor. Wie sollte man das denn bewerkstelligen – hinarbeiten auf einen nach der Chaostheorie ausgelösten Ansturm von Galerien, danach Sammlern auf die eigenen Werke, bis derjenige auftauchte, der feststellte, dass der Kaiser nackt sei?
Sam fand es zu riskant, sich auf höhere Gewalt zu verlassen, und so verließ sie sich nur auf sich und das, was jahrelang in Berlin gezogen hatte – der Authentizitätsfaktor. Sam tat das, was ihr lag, nur das, und nichts anderes.
„Das tun was dir liegt? Vergiss es… das wollen alle“, vermeldete Marlon.
„Warum tun sie es dann nicht?“
Marlon blieb Sam eine Antwort schuldig, prophezeite ihr den baldigen Hungertod.
Sam zieht noch mal tüchtig am Joint, obwohl sie kurz davor ist, umzukippen. Sie legt sicherheitshalber schon mal die Beine hoch. Auf den Küchentisch. So ist´s besser. Inmitten der alten illustren Trinkerrunde hinter seinem Bar-Tresen sieht sie immer noch Marlon. Zu diesem Zeitpunkt stets gut gelaunt, erfreute er sich an den Erlebnisberichten seiner Gäste, erteilte Ratschläge, sprach Mut und Trost zu. Liebte es, immer über jeden im Bilde zu sein. Aber darüber hinaus visierte er für sich kein höheres Ziel an, was ihn allerseits hoch beliebt machte[…]

aus:
http://www.michason.de/kreuzkoelln

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Info

Jetzt da!

_0200003

Kreuzkölln Superprovisorium auf die Welt gebracht! Wer nicht dabei sein konnte: http://issuu.com/michasonundmay/docs/le_ksp_issuu

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Info