Es ist Frühling, diese Jahr spät, der März war verschneit und bitterkalt

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Das habe ich noch nicht erlebt, zweistellige Minusgrade an einem Märztag, es ist aber nicht nur zu meiner bisherigen Erdzeit sondern überhaupt in den vergangenen hundert Jahren nicht vorgekommen, lese ich in der Hamburger Morgenpost.
Hat die außergewöhnliche Kälte etwas zu bedeuten?
Wird das Leben immer wieder heftig durcheinander gewirbelt ist man versucht, jede Absonderlichkeit, die Natur oder Mensch hervorbringen, auf eine tiefere Bedeutung hin abzuklopfen. Auf eine tiefere Bedeutung für einen selbst, und niemanden sonst.
Ich sollte damit aufhören. Strömte mein Leben ruhig und gleichmäßig vorwärts, würde ich eine Wetterkapriole als das ansehen, was sie eigentlich ist: eine Laune der Natur, die sich um mich nicht schert.
Ich will dennoch kurz auf meine bisherigen Frühlinge zu sprechen kommen. Sie begannen Mitte März mit einer verstörenden Helligkeit und umher treibenden Blütenpollen, die die Augen entzündeten und ermüdeten. Ich stand vor dem Flurspiegel, betrachtete mich durch einen Schleier von Tränen und fand mich jedes Jahr ein wenig verändert vor. Wunderte mich über das Bild, das ich nach außen abgab. Ist kein Spiegel in der Nähe bin ich ja noch immer das Schulmädchen, das nichts verraten darf und sich deshalb das Lügen angewöhnt hat, und zwar nach allen Seiten.
Wenn ich mich richtig erinnere war es wohl so, dass das Mädchen gerade von der Großmutter eine Ohrfeige bekommen hatte, die erste Ohrfeige der Großmutter, warum weiß ich nicht mehr, aber es war auch die letzte Ohrfeige, denn von diesem Moment an hat das Mädchen, mittlerweile zwölf, auch die Großmutter wieder angelogen, glaube ich.
Jetzt ist es April.
Draußen liegen noch immer Schneereste, es ist kalt wie im Dezember, albern ist das, denke ich. Irgendwie fast lächerlich. Als sei der April ein Narr, der sein Handwerk nicht versteht. Kein Mensch lacht mehr über seine Possen, er macht dennoch weiter wie bisher. Da pfeife ich jetzt drauf, lasse die Mütze zuhause, lege sie irgendwo auf einem Karton ab in der Wohnung Funkstraße 3, in der es bei jedem Schritt hallt, weil schon alle Bücher eingepackt und die Teppiche eingerollt sind.
Ich gehe mit offenem Haar herunter auf die Straße. Es weht ein steifer Wind durch Hamburg, ein paar Schneeflocken sind auch dabei, schwarze Haarsträhnen flattern mir ins Gesicht, bleiben einen kurzen Moment auf den frisch eingecremten Wangen haften. „Albern bist du“, flüstere ist dem Wind zu, richtig wäre in dieser Woche das irritierend helle Licht des Frühlings und tränende Augen. Na schön, Wind und Kälte, ihr werdet verschwinden! Mein Leben aber beginnt von neuem […]

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