Teatime

Eine halbe Stunde später ist K. da. Sie hat noch ihre Computerbrille auf.
„Die Brille…“ Ich deute drauf.
Sie zerrt sich die Brille aus dem Gesicht.
Wir liegen auf dem Sofa, trinken Pfefferminztee. Ich habe das Zeug nur für sie im Haus. Damals, vor 20 Jahren, wir bewohnten im besetzten Haus Bülowstraße gemeinsam ein Zimmer, riesig wie eine Bahnhofswartehalle, stand K. abends in der Gemeinschaftsküche und bereitete sich eine Thermoskanne voll Pfefferminztee zu. Jeden Abend, bevor sie ins Bett kroch, die gleiche Prozedur. Um uns herum Gewerkel und Gebell, Dead Kennedys, Iggy Pop und eine Session mit Bongos Marke Eigenbau, immer Geschrei wegen der Unordnung, im Becken türmte sich der Abwasch, es roch atemberaubend, niemand wagte mehr, den Berg abzutragen, aus Furcht vor der Vegetation darunter, aber K. stand chlorblondiert inmitten dieses Wahnsinns und goss in aller Ruhe, meistens summend, ihren Pfefferminztee auf. Rieche ich Pfefferminztee, sehe ich sie für immer mit der Thermoskanne die Hochbettleiter hinaufkommen.
„Shit, hier riecht´s nach Krankenlager!“
„He, he!!“
Dann ein sonniges Lachen.

aus: was ist hinter der welt?j.beer2009-2011

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