Frau Paesch und der Adel

Vorgesetzter Kernmann meint, dass es dort, wo ein Wille sei, auch einen Weg gäbe. Das gelte nicht nur für die Kunden. Das gelte auch für die Belegschaft. Er fordert seine Mitarbeiter auf, sich ein Beispiel an Frau Paesch zu nehmen. Frau Paesch, die habe ihre Damen 44plus, die Problemgruppe, im Griff! Mittlerweile seien 30 von denen als Praktikantinnen in Betrieben untergebracht, und Frau Paesch hätte es erreicht, dass man den Betrieben nicht mal etwas dafür zahlen müsse. Schön, dass endlich systematisch etwas für Benachteiligte getan werde. Hervorragend, Frau Paesch!
Die soeben Gelobte schaut beschämt zu Boden. „Das läuft ja mittlerweile fast so gut, wie mit meinem Bataillon!“ Kernmanns Gesichtsausdruck ist unbestimmt.
Frau Paesch will ihm gar nicht den Rang ablaufen, sie weiß, dass man sich damit niemanden zum Freund macht, und jemanden wie Kernmann höchstens zum Feind. Nähme man ihm seine Wachschutztruppe, sein Lebenswerk – Kernmann wäre erledigt. Würde um sich beißen, wie ein angeschossenes Tier. Hätte bereits am nächsten Tag eine neue Methode erdacht, sämtliche Demütigungen seines irdischen Daseins an die Kunden weiterzureichen.
Also entscheidet Frau Paesch, dass Kernmanns Wachschutztruppe, bestehend aus zwanzig unbezahlten und zehn unterbezahlten Kriegern, die die Mitarbeiter vor den Kunden beschützen, die Vorzeigenummer im Amt bleiben kann.
„Hervorragend, Frau Paesch!“, ruft Kernmann gerade noch einmal. „Ihr Praktikumprojekt – vorbildlich!“
Die Kollegen fühlen sich veranlasst zu klatschen. Ihre Gesichter aber bleiben starr. Die Einzige, die sich traut, ihre Hände still zu halten, ist Gertrud.
„Wenn Sie jetzt noch mit unseren Faulpelzen fertig werden, mit unserem Neuköllner Adel, dann sind sie die Frau der Stunde!“, legt Kernmann noch mal nach.
Frau Paesch will gar nicht Frau der Stunde sein. Nicht unter diesen Umständen. Frau der Stunde zu sein wäre lediglich ehrenhaft, wenn ihr dieser Titel verliehen werden würde, weil sie unbezahlte Arbeit abgeschafft hätte. Für immer.
Im übrigen fragt sie sich wie üblich, warum Kernmann dem wahren Adel offenbar Faulheit zugesteht, den Neuköllner Menschen aber nicht.

http://www.edition-schwarzdruck.de/seiten_lyrikprosa/bwl16.html

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