Papa und die Gesetze

Damals hielt Papa auch von höheren Schule nichts. Schließlich hatte auch er keine besucht, auch keine gebraucht, wie sich ja rausgestellt hätte; die höheren Schulen und das Denken, das könne man getrost denen überlassen, sie etwas davon verstünden. Damit war die Angelegenheit für ihn erledigt, höchstens dies noch: es seien nun mal nicht alle Menschen gleich, und darum gäbe es so viele verschiedene Berufe. Die eine Gruppe Menschen würde denken und beschließen, die andere Gruppe ausführen. Jeder nach seinen Fähigkeiten.
„Gesetze haben doch nur so lange einen Sinn, solange sich die Leute daran halten“, überlegte Frau Paesch damals laut in Papas Anwesenheit. „Und wenn sich niemand an unsinnige Gesetze halten würde? Man kann doch nicht alle Menschen verhaften?!
Papa lachte ein bisschen, dann, als er sich beruhigt hatte, erklärte er seiner Tochter, dass Gesetze natürlich immer einen Sinn hätten. Auch, wenn man diesen nicht sofort erkennen könnte. „Diejenigen, die Gesetze erlassen, denken sich immer etwas dabei, mein Dummerle!“ So würden Gesetzesübertreter lediglich beweisen, dass sie etwas nicht begriffen hätten. Papa musste jetzt wieder lachen, anfallartig, bemerkte aber in den schubfreien Pausen, dass man eigentlich und strenggenommen über Leute, die so wenig verstünden, nicht lachen dürfte, auch wenn es manchmal zu komisch wäre, er würde das ja auch aus seinem Amt kennen, wie diese Begriffsstutzigen da vor ihm säßen, und rein gar nichts begreifen würden, den kürzesten Amtsbrief nicht, die einfachste Regelung schon gar nicht.
„Aha“, machte Frau Paesch damals.
Gerade leckt sie geschwind letzte Honigreste vom Teller, natürlich ist ihr klar, dass man das nicht tut; sie weiß sehr gut, wie man sich benimmt, Papa hat ihr das schließlich beigebracht, aber in diesem Fall vergisst sie es mal für einen Moment, denn Honigreste auf dem Teller verkleben stets die Borsten der Spülbürste.
„Also, was denkst du?“, fragt Frau Paesch und grinst, obwohl sie normalerweise nicht zu Gehässigkeiten neigt, Papa sie aber sogar dazu treibt, „du denkst ich mache einen Fehler, wie? Ich pfeife drauf, was du denkst!“
Papa bleibt ihr eine Antwort schuldig, was Frau Paesch nicht im geringsten verwundert. Es hat keinen Zweck, über das Thema zu diskutieren.
Immer wieder tut sich dieser blinde Fleck auf.
Damals entschied Papa, Frau Paesch solle, wenn sie nicht Krankenschwester werden wollte, verwalten. Verwaltet müsse immer irgendetwas werden, auch in Zukunft, orakelte Papa; eine sichere Arbeit sei das, da könne einem gar nichts mehr passieren; er bezog das offenbar aufs Geld. Frau Paesch wusste zwar nicht, was ihr ´passieren´ sollte, vor dem eine sichere Arbeit sie bewahren könnte, und überhaupt: Geld? Komisches Geld. Geld ist kein Rohstoff. Geld sind abgegriffene Kontrollscheine, ginge nicht auch ohne die alles weiter? Sicher; viel besser sogar. Keine ihrer Frauen könnte mehr dazu gezwungen werden, jemandem für einen Hungerlohn den Dreck weg zu machen.
Aber von solchen Ideen wollte Papa schon damals nichts hören. Richtig Angst und Bange wurde ihm, wenn die Tochter so verrückt daher redete. Hinter der Idee, die Leute davon abbringen zu wollen, ihre Pflicht zu tun, konnte möglicherweise eine Erkrankung stecken. Frau Paesch, halbwüchsig, wurde nicht nur zum Psychiater geschickt, sondern außerdem als Lehrmädchen im Rathaus untergebracht, gleich in der Abteilung neben Papa, städtisches Ordnungsamt. Wenn sie das nicht zur Besinnung bringen würde…

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