Gestaunt…

Herr Merz und die Schuldigen

Jetzt ist Winter.
Die Katastrophenmeldungen dieser Tage heißen: Es ist Winter! Nachts zweistellige Minusgrade!
In Berlin sind die Schlitten fast ausverkauft!
Man wartet auf den ZDF Brennpunkt: Es hat geschneit
Alle sind mal wieder arm dran, außer denen, die wirklich arm sind. Die sind selbst Schuld. Wärmestuben, Kältebusse, Suppenküchen – Helfer und Retter arbeiten ehrenamtlich oder für eine Aufwandentschädigung, der Staat hat für Dienste an denen, die sich selbst ins Elend geritten haben, kein Geld übrig, es muss gespart werden, Sie wissen ja: diese Banker!, wer weiß, was denen als nächstes einfällt, Jungs sind ja so abenteuerlustig! Also lieber schon mal die Piepen zurücklegen; da kann man auf all die Hungerleider, die im Übrigen jedes Jahr mehr werden, keine Rücksicht mehr nehmen.

Dennoch: Auf allen Kanälen schon wieder endlose Diskussionen über das Thema Armut: Die einen behaupten, unsere Armen wären gar nicht richtig arm, die Leute in Afrika wären viel ärmer; die Gegenseite aber findet auch unsere Armen echt arm, und so geht das hin und her, derweil die Armen selbst zuhause sitzen und gehorsam abwarten, wie über sie entschieden wird.
Zum Glück der Diskutanten, denn worüber sollte man in Zukunft sonst so trefflich streiten?

Jetzt aber hat Herr F. Merz sich eingeschaltet, um mit dem ganzen Geschnatter ein für alle Male aufzuräumen. Ja, wir kennen Herrn Merz noch, wir erinnern uns an sein Lamento, die deutsche Leitkultur betreffend.
Und auch jetzt ist Herr Merz wieder ausgezogen, das Vaterland gegen feindlich gesinnte Elemente zu verteidigen, wobei er sich dieses Mal nicht von sittenlosen Muselmanen bedroht fühlt, nein, der Feind ist dieses Mal die Laus aus dem eigenen Pelz.
Es beginnt statistisch: 73 % der Bundesbürger seien zu logischem Denken nicht in der Lage, schlussfolgert Herr Merz. Weil sie laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung angaben, es würde nicht gerecht zugehen im Lande. Und das, obwohl der Begriff `Gerechtigkeit´ nie genau definiert wurde.
Darauf folgt ein kurzer geschichtlicher Abschnitt, in dem ein paar Philosophen das Wort im Munde verdreht wird.
Dann geht es wieder zurück zum Bürger, der ja wohl offenbar – so mutmaßt Herr Merz – Verteilungsgerechtigkeit bzw. Verteilungsungerechtigkeit meint. Die Schere zwischen arm und reich gehe immer weiter auseinander, werde moniert.
So was von Durchblicklosigkeit! Genau das ist doch die wahre Gerechtigkeit, belehrt uns Herr Merz, Wohlergehen für alle sei dagegen ungerecht, weil das System soziale Marktwirtschaft dann nicht mehr funktionieren würde.
Wirklich ungerecht hingegen sei, die mehr und mehr steigende Zahl der Arbeitslosen, die ja allesamt genauso gut arbeiten gehen könnten, mit Steuergeldern zu alimentieren.
In Zeiten von Roulette spielenden Bankern, Aufstockerei (Firmen, die keine Löhne zahlen wollen, die ausreichen, den Lebensunterhalt damit zu decken, schicken ihre Angestellten zur Agentur für Arbeit, damit sie dort ´aufstocken´ – Lohn/Firmensubventionierung mit Steuergeldern), dem Austausch von kommunalen Angestellten durch 1-Euro-Jobber, sowie Diskussionen über Arbeitszwang ohne Lohn und Gehalt für alle Arbeitslosen (So. Es gibt also doch noch genug Arbeit für alle. Aber warum soll die denn nicht mehr bezahlt werden? Damit Gerechtigkeit durch Verteilungsungerechtigkeit bestehen bleibt?), behauptet Herr Merz munter, dass wenn das Schiff untergehe, das nichts-begreifen-wollende Fußvolk dafür verantwortlich sei. Warum dieses denn die bestehenden Arbeitsangebote (beispielsweise die Stellen, auf denen jetzt noch überteuerte Fachkräfte sitzen) nicht annehmen wolle?!
Ja, warum nur?
Soll man diese Zeilen überhaupt ernst nehmen?, fragt sich mittlerweile der/die geneigte LeserIn. Überarbeitung, schwere Kindheit, familiäre Probleme, Migräne – man kann jetzt alle möglichen Gründe für so einen Text annehmen, dennoch, man muss ihn ernst nehmen, der eigenen Gesundheit zuliebe. Zuletzt kommt der Mann womöglich noch auf den Gedanken, aus Arztposten Arbeitspflichtangebote für 1- 5 Euro-Jobber zu machen, der Gerechtigkeit halber; was Pflegepersonal angeht, ist es ja bereits so weit.
Wieder ein wenig ruhiger, fügt Herr Merz dann noch hinzu, immerhin ehrlich:
[…] Die Minderung materieller Ungleichheit ist in einem marktwirtschaftlich organisierten Gemeinwesen kein politischer Selbstzwec
k[…]

Nachzulesen (falls man das überhaupt will) ist das gesamte Traktat des Herrn Merz in:

Denkanstöße 2010
Ein Lesebuch aus Philosophie, Kultur und Wissenschaft
Verlag Piper

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Info

Eine Antwort zu “Gestaunt…

  1. Bei diesen Zeilen – behauen mit Beilen, einstweilen auch Feilen – will ich nun verweilen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s