Gelesen…

Um zwischen all den Weihnachts- und Jahresendpartys ein wenig zu relaxen, habe ich mir doch noch diesen amerikanischen Megabestseller ins Haus geholt. Mit einiger Verspätung zwar, aber das Verfallsdatum ist längst noch nicht abgelaufen, verheißt die Drohung: Das ist nicht für euch
Für LiebhaberInnen von Mystery, Phantastik und Horror wie mich, eine unmissverständliche Aufforderung.
Was ich erwartet/ersehnt/gewünscht hatte, war ein intelligenter Horrorroman, der mich auf der Metaebene dem Weltgeheimnis ein Stückchen näher bringt. Ein durch und durch unbescheidener Wunsch, sicher; jemand, dem dies auch nur im Ansatz gelingen könnte, hätte sich vorher längst abgesetzt, nämlich ins Nirwana.
Es kam also so, wie ich geahnt & weshalb ich sieben Jahre gezögert hatte, was dieses Buch angeht, denn es ist lediglich in seiner äußersten Verzierung ein Horrorroman. Im Fleisch aber ist es ein Gleichnis über menschliche Beziehungen und im Kern eine Abhandlung männlicher Befindlichkeiten und dem Versuch der Deutung dieser.
Doch in erster Linie ist es eine riesengroße Fleißarbeit, auch Einfallsreichtum, auch Bildungsbeweis und leider ebenso das volle Programm an stereotypem Personal.
Zunächst aber: Hut ab vor den perfekt durchdachten Handlungssträngen, besonders denen rund um das unendliche Labyrinth, das sich eines Tages hinter einem plötzlich entstandenen Flur im Wohnzimmer einer amerikanischen Familie auftut.
Auf dieser Ebene zu bleiben und das Beziehungsdilemma der ProtagonistInnen (er: weiß, intellektuell, erfolgreich, abenteuerlustig, sie: weiß?, schön, neurotisch, klammernd) minus ein paar Klischees innerhalb der endlosen, öligschwarzen Gänge, Räume, Hallen abzuhandeln, hätte mir gereicht. Nicht aber dem Autor.
Es kommen weitere Ebenen und Schicksale hinzu: ein Herumtreiber mit schwerer Kindheit, ein geheimnisvoller Blinder, eine irre Mutti usw., usf. Dann ein Afroamerikaner, der anlässlich beruflichen Erfolgs gleich in seine Schranken verwiesen und nach einem Berufsunfall in den Rollstuhl gesetzt wird, jedoch weiterhin die Vorzüge des Wilden wie Mut, Kameradschaft und Treue aufweist. Und natürlich nicht fehlen darf der obligatorische übergriffige, böse Onkel; hier schaut er kurz vor Schluss noch mal rasch in Gestalt eines tätschelnden Stiefvaters vorbei. All diese Geschöpfe sind so Klischee-behaftet, dass ich hier zunächst ein satirisches Element vermute (wenn auch an der Grenze des guten Geschmacks), was sich aber nicht bestätigt.
Ich kann nicht mehr mitfühlen, weniger aus Hartherzigkeit, vielmehr weil das Personal lediglich ein Dasein als Abziehbild fristet, mir im Übrigen die Verknüpfungen der Personen einerseits untereinander, anderseits mit Mythen oder neuen Erzählsträngen, zu konstruiert, zu wenig organisch miteinander verwoben, zu austauschbar erscheinen.
Trotzdem lese ich weiter, eine tiefe Verneigung vor so viel Arbeit, allein das weiß ich zu würdigen; ich werde immer wieder rausgeschubst aus den weiteren Erforschungen der dunklen Gänge, und damit der Unendlichkeit menschlichen Elends in allen Facetten; ich soll meine Aufmerksamkeit auch Mythologischem schenken, und immer wieder dem Subhelden, der treibt die Geschichte nicht voran; kühn kommt mir dieser Verdacht zunächst vor, aber bald bestätigt er sich.
Also wird eine Methode entwickelt, die kleingedruckten Drogen- und Sexbekenntnisse eben jenes Subhelden zu überfliegen, ich war in den 80ies jung, ich kenne diese Art von Pathologisierung selbst- oder fremdbestimmter Lebensentwürfe, vielleicht wirkt diese Ebene des Romans deshalb so welk und olle. Dazu immer wieder die Ausstellungen des Sexlebens, die Mystifizierung des Sexlebens, der Sinn und Unsinn dahinter, das Sexleben als Metapher, als Vor- und Nach- und Nebengeschichte, oder einfach nur als Füllmaterial. Wen interessiert das, wessen eigenes Sexleben ist nicht kompliziert und bedeutungsschwanger genug? Da soll man sich nun auch noch mit fremden, diesbezüglichen Lebensäußerungen befassen, kann man Protagonisten nicht auf andere Weise, als durch ihre sexuellen Ambitionen beschreiben?
Weiterblättern.
Gehen Sie weiter. Da ist nichts.
Genau. Hat man diesen Schlüsselsatz auf dem Buchcover erst begriffen, legt sich auch die Angst, etwas zu verpassen.
Es geht auf zur nächsten Expedition ins Innere des Hauses/der Seele des Hausherren, der allerdings selbst nicht mitdarf in die dunklen Gänge und Schächte, weil die Lebenspartnerin, diese Spaßbremse, das nicht haben will, ja, sogar mit Trennung droht.
Also geht das Team, ausschließlich Männer, allein. Dass keine Frau jemals das Labyrinth betreten hat, fällt dem Autor aber auch noch auf, er rechtfertigt das augenzwinkernd mit dem Zug des Mannes in die Vagina. Ach so.
Wie nicht anders zu erwarten war, erliegt der erste Statist einem Höhlenkoller, erschießt erst den Kollegen, dann sich selbst. Die eigenen dunklen Abgründe waren an ihm, um ihm.
So ist das mit den Menschen.
Grauen kommt nicht auf, soll auch nicht. Hier geht es um viel mehr.
Mir ist das viel zuviel. Und im Übrigen darf ich auch nur mitmachen, was die Handarbeit, nämlich das Drehen und Wenden und auf den Kopf stellen des Buches angeht, bei Interpretationen und Schlussfolgerungen usw. verlässt der Autor sich ganz auf sich selbst und serviert diese durch echte oder gefakte Fußnoten, Kommentare usw. ständig mit.
Ich habe mich bis zum Ende durchgekämpft und war beeindruckt und enttäuscht zugleich.
Als die treue Gefährtin zum Schluss nach überstandenem Brustkrebs neben dem Bett des schwer verletzten Helden übernachtet, und zwar auf dem Fußboden, musste ich sogar noch mal richtig lachen.
House of leaves ist ein amerikanischer Gesellschaftsroman, dessen Horroreffekt lediglich in der Natur der Sache liegt.
Nächstes Mal, wenn mir der Sinn nach Grusel steht, keine Experimente mehr, sondern lieber wieder einen der Meister á la Poe oder Lovecraft.

M.Z. Danielewski
House of leaves
Pantheon Books 2000

Gibt es seit 2007 auch auf deutsch bei Klett Cotta.

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